
Du siehst ein Bild von Menschen, die unter einem Krieg leiden. Bleibst du einen Moment dabei, lässt ihre Lage an dich heran – oder wendest du dich ab? In dieser kleinen Entscheidung steckt eine größere Frage: Was bewegt uns dazu, fremdem Leid überhaupt Raum zu geben?
Eine neue psychologische Arbeit bringt religiöse Praxis ins Spiel. Ihr öffentlich zugänglicher Abstract berichtet positive Zusammenhänge zwischen Religiosität und mitfühlenden Reaktionen. Untersucht wurden drei Studien mit insgesamt 949 Personen; die Daten stammen aus den Jahren 2022 bis 2024. Die Arbeit erschien am 2. November 2026 online in Emotion. Ihre spannendste Frage betrifft die Bereitschaft zur Hinwendung. Ein Nachweis, dass religiöse Menschen grundsätzlich mehr Hilfe leisten, ergibt sich daraus nicht. Originalpublikation und Abstract
Um den Befund zu verstehen, müssen wir drei Dinge auseinanderhalten: Was jemand glaubt, was jemand in einer konkreten Situation empfindet und was diese Person anschließend tatsächlich tut.
Mitgefühl beginnt vor der Hilfehandlung
Im Alltag benutzen wir „Empathie“ und „Mitgefühl“ oft wie austauschbare Wörter. Für eine Untersuchung macht der Unterschied viel aus. Ein fremdes Gefühl mitzuerleben, sich die Perspektive eines anderen vorzustellen und sich fürsorglich um dessen Leiden zu sorgen, sind unterscheidbare Vorgänge. Eine grundlegende Übersicht von Jennifer Goetz, Dacher Keltner und Emiliana Simon-Thomas beschreibt Mitgefühl als auf das Leiden anderer gerichtete Sorge, die Zuwendung motivieren kann. Sie grenzt es unter anderem von der eigenen, überwältigenden Belastung beim Anblick fremden Leids ab. Begriffs- und Forschungsübersicht
Das lässt sich an einer ausdrücklich erfundenen Alltagsszene zeigen. Eine Nachbarin berichtet von einer schweren Erkrankung. Du kannst ihre Angst nachvollziehen. Du kannst selbst so beunruhigt werden, dass du das Gespräch möglichst schnell beendest. Oder du kannst bei ihr bleiben und fragen, was sie gerade braucht. Auch dann ist noch offen, ob du am nächsten Tag tatsächlich einkaufst, einen Termin begleitest oder ein Versprechen vergisst.
Für die Forschung entstehen daraus verschiedene Messfragen:
- Hinwendung: Wählt jemand eine Situation, in der Mitgefühl angeregt werden soll?
- Erleben: Wie viel Sorge oder Anteilnahme berichtet die Person in diesem Moment?
- Hilfe: Wird Zeit, Geld oder Arbeit für andere eingesetzt – und kommt die Unterstützung an?
Eine Auswahlentscheidung ist bereits Verhalten. Sie ist jedoch eine andere Verhaltensart als eine Spende oder eine mehrmonatige Pflegeaufgabe. Gerade dieser Unterschied schützt vor übergroßen Schlagzeilen. Wie vielfältig schon die Verfahren der Empathieforschung sind, erklärt unser Beitrag „Empathie messen“.
Was die neue Arbeit tatsächlich berichtet
Das Team um Patty Van Cappellen untersuchte mit einer Mitgefühlsvariante der sogenannten Empathy Selection Task die Wahl entsprechender Situationen. Hinzu kamen berichtete Gefühle der Anteilnahme angesichts des Leidens von Kriegsopfern. Der Abstract nennt ein natürliches Experiment während Ostern, eine allgemeine US-Stichprobe sowie praktizierende christliche und buddhistische Teilnehmende. Er beschreibt kleine bis mittlere positive Zusammenhänge; für die Osteruntersuchung berichtet das Team eine Zunahme mitfühlender Entscheidungen im Zusammenhang mit religiöser Praxis. Nachweis der endgültigen Zeitschriftenfassung
Die Wahlaufgabe hat einen interessanten Ausgangspunkt: Mitgefühl muss eine Gelegenheit bekommen. Julian Scheffer, C. Daryl Cameron und Michael Inzlicht untersuchten zuvor, ob Menschen entsprechende Erfahrungen von sich aus wählen. In ihren Versuchen vermieden Teilnehmende Mitgefühl häufiger, wenn sie es als geistig anstrengend wahrnahmen; gegenüber nahestehenden Personen war diese Vermeidung geringer. Das ist eine methodische und theoretische Vorarbeit mit einem gemeinsamen Autor, keine unabhängige Wiederholung der Religionsstudie. „Caring is costly“
Ein Auswahlverfahren kann somit etwas erfassen, das ein allgemeiner Satz wie „Ich bin ein mitfühlender Mensch“ übersieht: die Bereitschaft, sich im konkreten Moment auf eine Erfahrung einzulassen. Ob daraus wirksame Hilfe wird, braucht zusätzliche Beobachtung.
Religion hat mehrere messbare Seiten
Schon die Frage „Wie religiös bist du?“ kann sehr Unterschiedliches meinen. Eine Person gehört einer Kirche an, besucht aber kaum Gottesdienste. Eine andere betet regelmäßig, ohne sich einer Institution besonders verbunden zu fühlen. Eine dritte geht vor allem wegen der Gemeinschaft zu religiösen Treffen. Diese Beispiele sind keine Typologie aus der neuen Studie. Sie zeigen, weshalb die Definition der untersuchten Religiosität zur Erklärung gehört.
Sinnvoll zu unterscheiden sind formale Zugehörigkeit, persönliche Glaubensüberzeugung, gemeinschaftliche Praxis und private Praxis. Die Angabe „christlich“ beantwortet noch nicht, wie häufig jemand betet. Regelmäßige Teilnahme sagt wiederum nicht, welche Bedeutung ein religiöser Inhalt für diese Person hat.
Diese Unterscheidung ist auch für Vergleiche wichtig. „Wenig religiös“ kann einen distanzierten Gläubigen bezeichnen, eine konsequent nichtreligiöse Person oder jemanden, dem die Frage schlicht gleichgültig ist. Luke Galen machte in seiner kritischen Übersicht von 2012 unter anderem auf dieses Problem ungeeigneter Vergleichsgruppen aufmerksam. Er diskutierte außerdem Selbstberichtverzerrungen und die Bevorzugung der eigenen Gruppe. Seine Übersicht widerlegt die neue Arbeit nicht; sie liefert Fragen, die jede neue Studie beantworten sollte. Galens kritische Prüfung
Wie unterschiedlich sich Zugehörigkeit und Ritualteilnahme entwickeln können, zeigt auf einer ganz anderen Untersuchungsebene unser Artikel über Internet und Säkularisierung in 81 Ländern. Länderentwicklungen erklären allerdings nicht automatisch das Mitgefühl einzelner Menschen.
Warum Ostern interessant ist – und der Vergleich entscheidet
Ein religiöses Fest bietet eine reale Situation, in der Glaubensinhalte, gemeinsames Erleben und soziale Begegnungen zusammenkommen können. Genau das macht ein natürliches Experiment reizvoll: Es untersucht eine Gelegenheit außerhalb einer vollständig künstlichen Laborwelt.
„Natürlich“ bedeutet dabei nicht automatisch „zufällig zugeteilt“. Um eine Ursache zu bestimmen, kommt es auf die Vergleichsbedingungen an. Wer wurde wann untersucht? Waren die Gruppen zuvor vergleichbar? Wurden dieselben Personen mehrfach beobachtet? Änderte sich neben der religiösen Praxis noch etwas? Die genaue Antwort entscheidet darüber, wie weit ein Ergebnis trägt.
Für die endgültige neue Arbeit ist der öffentlich geprüfte Zugang hier auf den Abstract begrenzt. Deshalb nennen wir weder eine ungeprüfte Zuteilung noch konkrete Kontrollbedingungen oder einen angeblichen Prozentgewinn. Die kausale Deutung der Autoren ist stärker, als wir anhand dieses Zugangs selbst nachprüfen können.
Als alternative Erklärungen wären beispielsweise eine veränderte Stimmung, gemeinschaftliche Unterstützung, die Auswahl besonders engagierter Teilnehmender oder Erwartungen an sozial erwünschte Antworten zu prüfen. Das sind Prüfideen, keine festgestellten Mängel dieser Untersuchung. Ein guter Vergleich müsste zeigen, welche davon zum beobachteten Unterschied beitragen können.
Außerdem unterscheiden sich zwei Fragen: Sind Menschen mit stärkerer Religiosität im Mittel mitfühlender? Und verändert eine religiöse Handlung das Mitgefühl derselben Person? Ein Zusammenhang zwischen Personen beantwortet die zweite Frage noch nicht. Umgekehrt belegt ein kurzfristiger Unterschied rund um ein Fest keine dauerhafte Veränderung des Charakters.
Psychologische Nähe: eine Erklärung mit offener Richtung
Die neue Arbeit nennt empfundene psychologische Nähe zu den leidenden Menschen als statistische Erklärung der Zusammenhänge. Gemeint ist damit, wie verbunden oder innerlich nah eine andere Person erscheint. Das muss weder räumliche Nähe noch dieselbe Religionszugehörigkeit bedeuten.
Die mögliche Idee ist verständlich: Wenn fremdes Leid weniger fern erscheint, könnte es leichter sein, sich ihm zuzuwenden. Doch selbst ein gut passendes statistisches Vermittlungsmodell entscheidet nicht allein über die Richtung. Vielleicht fördert Nähe das Mitgefühl. Vielleicht lässt bereits empfundenes Mitgefühl die Betroffenen näher erscheinen. Vielleicht beeinflusst ein dritter Faktor beides.
Ein gedankliches Beispiel macht die Schwierigkeit sichtbar. Stell dir zwei Menschen vor, die dieselbe Nachricht lesen. Die eine Person fühlt Verbundenheit und Anteilnahme, die andere wenig von beidem. Daraus lässt sich eine Beziehung zwischen Nähe und Mitgefühl beschreiben. Es ist aber noch nicht gezeigt, was passieren würde, wenn man gezielt nur die Nähe veränderte und alles andere gleich hielte.
Für eine stärkere Erklärung bräuchte es deshalb eine passende zeitliche Abfolge, möglichst gezielte Veränderungen und überprüfte Alternativen. Diese Forderung entwertet den Befund nicht. Sie markiert den nächsten Schritt von einer plausiblen Deutung zu einer belastbareren Mechanismuserklärung.
Auch die Reichweite bleibt eine eigene Frage: Mitgefühl für bestimmte leidende Menschen belegt noch nicht dieselbe Zuwendung gegenüber politischen Gegnern, Angehörigen jeder anderen Religion oder Menschen, denen man eine Mitschuld zuschreibt. Wer dabei überhaupt als „Fremdgruppe“ gilt, müsste ausdrücklich erfasst werden.
Was die größere Forschung zur Hilfe beiträgt
Eine unabhängige Metaanalyse von John Michael Kelly, Stephanie Kramer und Azim Shariff aus dem Jahr 2024 bündelte 701 Effekte aus 237 Stichproben mit insgesamt 811.663 Personen. Sie berücksichtigte auch antisoziales Verhalten als umgekehrten Gegenpol. Der durchschnittliche Zusammenhang zwischen Religiosität und Prosozialität war klein: r = 0,13. Bei selbst berichteter Prosozialität lag er bei r = 0,15, bei direkt gemessenem Verhalten bei r = 0,06. Metaanalyse von 2024
Ein Korrelationswert r beschreibt einen statistischen Zusammenhang. Er gibt weder einen Anteil „guter Menschen“ an noch eine prozentuale Verbesserung. Die Werte bedeuten also nicht, dass Religiosität Menschen um 13 Prozent hilfsbereiter macht. Zudem unterschieden sich die zusammengefassten Ergebnisse erheblich.
Die Autoren diskutieren mehrere Möglichkeiten: Labortests könnten religiös geprägte Hilfe unvollständig erfassen; Selbstauskünfte könnten das eigene Verhalten zu günstig darstellen; oder ein günstiges Selbstbild könnte mehrere Antworten zugleich beeinflussen. Der Unterschied zwischen den Messarten allein entscheidet diese Möglichkeiten nicht.
Für die neue Mitgefühlsarbeit ist das ein nützlicher Rahmen. Eine konkret beobachtete Hinwendung erweitert die Perspektive über einen allgemeinen Fragebogen hinaus. Zugleich bleibt die Strecke von der Wahl einer Erfahrung bis zu geleisteter Hilfe lang. Die Metaanalyse liefert dafür Kontext, keine direkte Bestätigung der neuen Einzelbefunde.
Eine andere Frage als „Wer ist der bessere Mensch?“
Aus einem Gruppenmittel lässt sich kein moralischer Steckbrief einer einzelnen Person ableiten. Eine religiöse Helferin muss sich ihre Leistung ebenso wenig von einer Korrelationsstudie bestätigen lassen, wie ein nichtreligiöser Helfer durch sie widerlegt werden könnte.
Fruchtbarer ist die Frage nach konkreten Bedingungen: Was erleichtert es Menschen, hinzusehen? Welche Formen von Gemeinschaft schaffen verlässliche Unterstützung? Wann bleibt Nähe auf die eigene Gruppe begrenzt? Und welche Angebote erreichen Menschen, die nicht durch ein gemeinsames Bekenntnis verbunden sind?
Das sind Forschungsfragen, keine bereits bewiesenen Rezepte. Eine Gemeinde könnte ihre eigene Praxis beispielsweise daran prüfen, ob Hilfsangebote tatsächlich zugänglich sind und ob Betroffene mitbestimmen. Ein weltanschaulich offener Verein kann dieselben Fragen stellen. Ob solche Maßnahmen wirken, müsste an ihrem Ergebnis beurteilt werden, einschließlich der Perspektive der unterstützten Menschen.
Gerade die Differenz zwischen Hinwendung und Hilfe macht den neuen Ansatz interessant. Bevor wir jemanden unterstützen, müssen wir seine Lage meist überhaupt beachten. Religiöse Praxis könnte dafür unter bestimmten Bedingungen eine Ressource sein. Wie groß ihr eigener Beitrag ist, wie lange er anhält und wen er erreicht, lässt sich mit den öffentlich überprüften Angaben noch nicht abschließend bestimmen.
Quellenstand und Transparenz
Die endgültige Zeitschriftenfassung wird hier anhand ihres Verlagsabstracts sowie der Registrierungs- und Förderangaben bei PubMed und Crossref eingeordnet. Der geprüfte Verlagszugang bietet den vollständigen Artikel kostenpflichtig an. Detailangaben zu Einzelstichproben, Ausschlüssen, Effektintervallen und Präregistrierungen der finalen Fassung sind deshalb nicht eigenständig verifiziert.
Eine ältere öffentliche Autorenfassung ist inhaltlich umfangreicher und nicht mit der veröffentlichten Fassung gleichzusetzen. Ihre zusätzlichen Untersuchungen, Zahlen und Aussagen zu wiederholten Alltagsmessungen wurden hier nicht als Ergebnisse des neuen Zeitschriftenartikels übernommen. Auch das Publikationsverzeichnis des Duke-Labors ist eine Autorenquelle und keine unabhängige Bestätigung.
PubMed und die Verlagsregistrierung bei Crossref nennen den Templeton Religion Trust als Förderer, Fördernummer 2021-10500. Finanzierung ist ein relevanter Kontext, allein jedoch kein Beweis für einen verzerrten Befund. Eine endgültige Erklärung zu Interessenkonflikten war im geprüften öffentlichen Zugang nicht einsehbar.
Das Cover ist eine KI-generierte Symbolillustration. Es zeigt keine Studienteilnehmenden und keine beobachtete Hilfehandlung.





