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Chemie

Ohrenschmalz gegen Ameisen: Warum es klebt und trotzdem rutschig ist

Auf glattem Ohrenschmalz verlieren Ameisen im Labor den Halt. Bleibt etwas an ihrem Körper hängen, ist es schwer abzubekommen. Wie passt das zusammen?

Redaktion: Benjamin Metzig. KI als Werkzeug für Text und Bild.

Dieser Beitrag entstand in einem von Benjamin Metzig geplanten und redaktionell geführten Arbeitsprozess. Er bestimmte Thema, Struktur und Maßstäbe, prüfte und überarbeitete Inhalt, Quellen und Darstellung und entschied über die Veröffentlichung. Generative KI diente dabei als Werkzeug; sie wurde auch für das Artikelbild eingesetzt. Zur Arbeitsweise der Redaktion

KI-Illustration einer rotbraunen Ameise, deren Vorderbein eine bernsteinfarbene Ohrenschmalzschicht am Rand einer Glasfläche berührt.
KI-Symbolillustration einer Ameise auf einer Ohrenschmalzschicht im Labor. Keine Aufnahme aus der Studie und kein Versuch im menschlichen Ohr.

Eine Glaswand ist für eine Ameise normalerweise kein großes Hindernis. Im Labor genügte aber eine glatte Schicht Ohrenschmalz, um den Aufstieg zu vereiteln. In einem anderen Versuch blieb dasselbe Material an den Tieren hängen. Sie putzten sich ausdauernd, bekamen die Reste aber nicht überall ab.

Wie kann beides stimmen? Beim Klettern muss ein Ameisenfuß entlang einer Fläche Halt finden. Beim Putzen muss das Tier Material von seinem Körper lösen. Die beiden Aufgaben stellen ganz unterschiedliche Anforderungen an den Kontakt. Genau darin liegt der Reiz der Studie von David Ancalle und Kollegen, die PubMed auf den 28. Oktober 2026 datiert und die *Science News* Anfang November aufgegriffen hat. Ob die Schicht auch in einem lebenden menschlichen Ohr wirksam Insekten fernhält, wurde damit nicht geprüft.

Die Ameise hat mehrere Arten, sich festzuhalten

Auf einer rauen Fläche können Krallen in kleine Unebenheiten greifen. Auf glattem Glas kommt bei vielen Ameisen ein bewegliches, weiches Haftpolster zwischen den Krallen zum Einsatz. Solche Polster passen sich der Oberfläche an; eine kleine Menge Flüssigkeit vermittelt den Kontakt. Der verbreitete Vergleich mit einem Saugnapf ist ungenau: Ein weiches Polster, ein dünner Flüssigkeitsfilm und die Reibung an der Kontaktstelle arbeiten zusammen.

Wie fein abgestimmt ein Schritt sein kann, zeigen Kraftmessungen und Filmaufnahmen an Weberameisen. Beim Klettern am Glas zogen die Beine oberhalb des Körperschwerpunkts und nutzten die Haftpolster. Beine, die unterhalb des Körperschwerpunkts aufsetzten, drückten und brachten auch fein behaarte Fußabschnitte in Kontakt. Die Untersuchung betraf Weberameisen, während im Ohrenschmalzversuch Feuerameisen zum Einsatz kamen. Sie erklärt das Prinzip wechselnder Kontakte, liefert aber keine Kraftwerte für Feuerameisen auf Ohrenschmalz.

Der Unterschied zwischen einem Stoff und dem Kontakt, den ein Tier mit ihm herstellt, reicht weit über Ameisen hinaus. Auch bei biologischen Klebstoffen von Muscheln bis zu Geckos ist entscheidend, welche Strukturen und Materialien an der Grenzfläche zusammentreffen.

Ein glatter Belag nimmt den Füßen den Halt

Mitautor David Hu beschreibt im ausführlichen Bericht über die Versuche, wie das Team unter anderem den Rand eines Glasgefäßes mit Ohrenschmalz bestrich. Bei rauem Ohrenschmalz kamen die Ameisen langsamer voran, fanden aber noch Griffmöglichkeiten. Auf einem glatten, beschichteten Objektträger rutschten sie ab. Schon der Unterschied zwischen diesen Oberflächen zeigt, warum „klebrig“ allein nicht vorhersagt, ob ein Tier hinaufkommt.

Beim Klettern an einer senkrechten Wand muss der Kontakt ein Abrutschen nach unten verhindern. Wie gut das gelingt, hängt davon ab, ob der Fuß Halt entlang der Wand aufbauen kann. Eine Schicht kann weich und schmierig genug sein, um das zu erschweren. Wenn es keine Unebenheiten für die Krallen gibt, fällt zudem eine zweite Möglichkeit zum Festhalten weg.

Im Tunnel wechselt das Problem

Für den zweiten Versuch ließ das Team Ameisen durch einen beschichteten Tunnel laufen. Dort kam nicht nur die Fußspitze mit dem Material in Berührung. Reste hafteten am Körper, und die Tiere versuchten, sie beim Putzen zu entfernen. An schlecht erreichbaren Stellen blieben Rückstände zurück.

Wer einen Fuß an einer Wand abstützt, braucht Halt gegen die Bewegung nach unten. Wer einen klebrigen Rest vom Körper zieht, muss ihn von der Kontaktstelle lösen oder ihn so verformen, dass er sich abstreifen lässt. Ein Stoff kann in der ersten Situation wenig Halt bieten und in der zweiten schwer abzulösen sein. Das Putzen zeigt zudem, dass die Lage eines Rückstands zählt: Material an einer Stelle, an die das Tier schlecht herankommt, ist auch bei gleicher Haftung schwerer zu entfernen.

Zwei Kontakte, zwei Aufgaben

1. Halt an der Wand finden

Klettern: Halt entlang der FlächeEin vereinfachter Ameisenfuß berührt eine senkrechte Cerumenschicht. Der Pfeil zeigt, in welche Richtung Halt nötig ist: nach oben entlang der Fläche. Halt nach obenFußGlas

Der Fuß muss entlang der Fläche Halt erzeugen, damit das Tier nicht nach unten rutscht. Auf glattem Cerumen misslang das im Labor.

2. Haftendes Material ablösen

Putzen: Haftenden Rest ablösenEin Rest Cerumen sitzt an der Oberfläche eines Körperteils. Der Pfeil zeigt das Wegziehen des Rests von der Kontaktstelle, keine gemessene Kraft. AbziehenKörperoberfläche

Beim Putzen muss die Ameise einen Rest von ihrem Körper wegbewegen. An schwer erreichbaren Stellen blieb Material haften.

Die Pfeile zeigen nur Richtungen. Ihre Länge steht für keinen Messwert. Die Skizze ist kein Versuch im Ohr und keine vollständige Kräftebilanz.

Originalzusammenfassung · Bericht zum Versuchsaufbau

Wie Poren, Fett und Verformung zusammenpassen

Ohrenschmalz, fachsprachlich Cerumen, enthält unter anderem abgeschilferte Hautzellen und fetthaltige Sekrete. Es ist kein glatter, harter Block wie Kerzenwachs. Mikroskopische Aufnahmen zeigen im Material Zwischenräume. Trotz seiner Fettbestandteile kann es Wasser aufnehmen. Fettige Anteile an einer Kontaktfläche und Wasseraufnahme in kleinen Hohlräumen schließen sich nicht aus.

Das Team schlägt vor, dass die Poren Flüssigkeit aus dem dünnen Film unter einem Ameisenfuß aufnehmen könnten. Dadurch würde sich der Kontakt des Haftpolsters verändern. Der Kontrast zum Lotus-Effekt ist hilfreich: Auch dort entscheidet die Mikrostruktur über das Verhalten von Wasser, doch das Blatt lässt Tropfen abperlen. Beim Cerumen geht es um Flüssigkeit, die in das Material gelangen kann.

Die Poren-Erklärung ist plausibel. Der beobachtete Absturz allein sagt aber nicht, welchen Anteil Wasseraufnahme, glatte Geometrie und die bewegliche Oberfläche jeweils hatten. Auch Untersuchungen an anderen Ameisen zeigen, dass die Flüssigkeit nur ein Teil der Haftung ist. In Versuchen mit den Fußpolstern von Weberameisen ließ sich die gemessene Reibung nicht allein mit einem Flüssigkeitsfilm erklären; auch der Kontakt des weichen Polsters mit der Oberfläche spielte eine Rolle.

Zu dieser Geschichte gehört noch eine Eigenschaft: Cerumen ist viskoelastisch. Unter Belastung verhält es sich teils elastisch und teils wie ein zähes Material, das mit der Zeit nachgibt. Hu beschreibt außerdem, dass es bei schnellerer Scherung leichter fließen kann, also wenn sich benachbarte Schichten rascher gegeneinander bewegen. Das erklärt, warum „fest“ oder „flüssig“ schlechte Schubladen für ein Material sind, das bei einer kurzen Fußbewegung anders beansprucht wird als beim Ablösen eines Restes. Ein künstliches Material mit ähnlichen Eigenschaften machte es den Ameisen im Labor ebenfalls schwer. Daraus folgt noch keine belastbare Rezeptur für eine haltbare Barriere im Haushalt.

Was davon im Ohr eine Rolle spielen könnte

Der Gehörgang transportiert Material nach außen. Die HNO-Leitlinie zu Ohrenschmalzpfropfen beschreibt, wie sich die oberste Hautschicht Richtung Ausgang bewegt und dabei Cerumen mitnimmt. Staub oder kleine Partikel können daran hängen bleiben. Die Studie berichtet zudem, dass das Material im Laufe der Alterung spröde wird. Dieser Wandel passt zu einer Schicht, die sich erneuert, statt dauerhaft an derselben Stelle zu bleiben.

Wie Cerumen beschaffen ist, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Eine genetische Studie zu Varianten des Gens ABCC11 unterscheidet unter anderem feuchtes und trockenes Ohrenschmalz. Aus Versuchen mit einzelnen Materialproben, Glas und einer Ameisenart lässt sich daher keine einheitliche Schutzwirkung für alle Ohren ableiten. Im echten Gehörgang kommen wechselnde Feuchtigkeit, eine unregelmäßige Form und andere Insekten hinzu. Die Laborexperimente erklären, wie eine solche Barriere wirken könnte; wie oft sie im Alltag tatsächlich wirkt, bleibt offen.

Die eigentliche Überraschung liegt damit an der Grenzfläche. Unter einem Fuß kann eine dünne Schicht Halt nehmen. Am Körper kann ein Rest derselben Schicht sitzen bleiben. Ob ein Stoff als rutschig oder klebrig auffällt, entscheidet sich erst daran, was mit ihm in Kontakt kommt und welche Bewegung dieser Kontakt aushalten soll.

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