
Der Lautsprecher steht zehn Zentimeter vor dem Kopf des Nachtfalters. Aus ihm kommt die Rufsequenz einer angreifenden Fledermaus. Das Mikrofon wartet am anderen Ende des Insekts, hinter seinem Hinterleib. Dort setzt bei manchen Schwärmern eine Folge kurzer Klicks ein. Für menschliche Ohren liegen diese Laute zu hoch. Woher sie kommen, lässt sich unter dem Mikroskop erkennen. Auf den männlichen Geschlechtsorganen sitzen winzige Schuppen, die über eine zweite raue Fläche streichen. Masonick und Kollegen in *Proceedings of the Royal Society B*
Die am 4. November 2026 veröffentlichte Studie beschreibt drei Varianten dieser Miniaturraspel. Sie erklärt, wie die Tiere Ultraschall erzeugen, und zeigt, dass manche Arten schon auf abgespielte Fledermausrufe reagieren. Was eine jagende Fledermaus mit diesen zusätzlichen Lauten anfängt, lässt sich erst in einem anderen Experiment prüfen.
Von der Schuppe zum Klick
Wer mit dem Fingernagel über einen Kamm fährt, löst an jedem Zahn einen kleinen Stoß aus. Ein verwandtes Prinzip steckt in der Stridulation, der Lauterzeugung durch Reiben. Bei den männlichen Schwärmern sitzen die beweglichen Schuppen auf zwei Klappen, den Valven, die bei der Paarung zum Festhalten dienen. Ihre Reibpartner befinden sich am hinteren Rand oder an der Unterseite des achten Hinterleibssegments. Frühe Hochgeschwindigkeitsaufnahmen zeigten bereits, wie ein Laut mit der Bewegung dieser Klappen zusammenfällt. Barber und Kawahara, 2013
Bei Ambulyx moorei streichen die Schuppen der Klappen über andere Schuppen am Hinterleib. Bei Psilogramma menephron bilden steife Dornen den Gegenpart. Bei Xylophanes falco gleiten die Schuppen beim Zusammenziehen der Klappen unter eine Fläche mit winzigen Höckern. Gerade diese Höcker waren das fehlende Gegenstück. Die Schuppen auf den Valven waren bereits bekannt. Erst die neuen Aufnahmen und die räumliche Lage im Röntgenscan machten verständlich, woran sie reiben. Originalstudie, Abschnitt 3b und Abbildung 2
Hören, klicken und einen Angriff überstehen
Die Arbeitsgruppe führte zwei getrennte Tests durch. Sie spielte an einer dünnen Leine fliegenden Faltern Fledermausrufe vor. Anschließend berührte sie die Insekten vorsichtig, um den Kontakt mit einem Räuber nachzuahmen. Über die neuen und früheren Aufnahmen hinweg gaben Männchen aus 77 von 143 untersuchten Schwärmerarten Ultraschall ab. In dieser Zahl stecken beide Auslöser. Einige Arten ohne bekannte Hörorgane klickten bei Berührung, auch wenn sie auf die abgespielten Rufe stumm blieben. Bei den Exemplaren der Gattung Agrius fand das Team die Reibstrukturen, konnte mit den Versuchen aber keine Laute auslösen. Originalstudie, Abschnitte 2a und 3a–b
Ob ein Laut die Ortung stören kann, hängt auch davon ab, wann und wie dicht er eintrifft. Die Fledermaus schickt einen Ruf aus und gewinnt aus dem zurückkehrenden Echo Hinweise auf Lage und Bewegung ihrer Beute. Zusätzliche Klicks im passenden Frequenzbereich können sich mit diesem Echo überlagern. Je mehr Zeit in einem kurzen Fenster mit Lauten gefüllt ist, desto eher können die Klicks die Auswertung erschweren. Masonick und Kollegen verglichen dafür Aufnahmen aus den Berührungstests, weil darin keine abgespielten Fledermausrufe die Messung überdeckten. Bei den Systemen mit Dornen und Höckern war der Anteil der Lautzeit im gemessenen Fenster von 100 Millisekunden im Schnitt höher als beim Reiben von Schuppe auf Schuppe. Abbildung 3 der Studie · Wie Fledermäuse aus Echos räumliche Entscheidungen machen
Wie unterscheidet man eine mögliche Störung von einem verfehlten Fang? In einer früheren Laborstudie jagten Große Braune Fledermäuse lebende Schwärmer. Bei Xylophanes falco wurden Tiere mit intaktem Reibapparat seltener gefangen als Artgenossen, denen die schallerzeugenden Strukturen entfernt worden waren. Die Fledermäuse vollführten teilweise ihre Fangbewegung, ohne die Beute zu erwischen. Das passt in diesem Versuch zu gestörter Ortung. Bei anderen Arten kann eine kurze Lautfolge einen Räuber womöglich erschrecken oder wie das Warnsignal einer ungenießbaren Art klingen. Welche Wirkung überwiegt, lässt sich aus einer Tonaufnahme des Falters allein nicht ablesen. Fangversuche von Kawahara und Barber, 2015 · Vergleich akustischer Abwehr bei Nachtfaltern, Rubin und Kollegen, 2022
Eine Fähigkeit mit mehreren Anfängen
Auf dem Stammbaum fällt auf, dass die Antwort auf Fledermausrufe in mehreren voneinander entfernten Ästen vorkommt. Das Team verwendete einen zeitlich eingeordneten Stammbaum mit 310 Schwärmerarten. Es rekonstruierte das Verhalten und die Bauformen getrennt. Nach dem Modell könnte sich die akustische Antwort auf Fledermausrufe in den vergangenen rund 30 Millionen Jahren bis zu siebenmal unabhängig entwickelt haben. Für manche Arten fehlten direkte Beobachtungen. Das Team übernahm in begründeten Fällen Angaben von nahen Verwandten. Bei anderen Arten ließ es im Modell mehrere mögliche Zustände zu. Die Zahl beschreibt damit mögliche Ursprünge unter den Modellannahmen. Originalstudie, Abschnitt 2c und Abbildung 1 · Daten und Methodenanhänge der Arbeitsgruppe
Die leisere Pointe dieser Geschichte steckt in der Perspektive. Für uns bleibt die Begegnung im Dunkeln stumm. Eine Fledermaus gewinnt aus ihren Rufen eine Vorstellung von der Umgebung. Ein hörender Schwärmer kann denselben Ruf als Hinweis auf Gefahr nutzen und seinerseits Laute erzeugen. Was der eine sendet, wird Teil der Sinneswelt des anderen. Wie ein paar Schuppen und Höcker diesen Austausch verändern können, ist jetzt anatomisch genauer beschrieben. Wie Forschende die Sinneswelten von Tieren sichtbar machen





