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Geschichte

Das römische Glas, das grün und rot erscheint – und heute neu entsteht

Der Lykurgos-Becher sieht je nach Beleuchtung grün oder rot aus. Moderne Nachbildungen erklären seinen Farbeffekt – und zeigen die Grenzen historischer Rekonstruktion.

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Redaktion: Benjamin Metzig. KI als Werkzeug für Text und Bild.

Dieser Beitrag entstand in einem von Benjamin Metzig geplanten und redaktionell geführten Arbeitsprozess. Er bestimmte Thema, Struktur und Maßstäbe, prüfte und überarbeitete Inhalt, Quellen und Darstellung und entschied über die Veröffentlichung. Generative KI diente dabei als Werkzeug; sie wurde auch für das Artikelbild eingesetzt. Zur Arbeitsweise der Redaktion

KI-Illustration zweier Beleuchtungsansichten desselben römisch inspirierten Glasgefäßes, links grün und rechts rubinrot.
KI-Illustration: Zwei schematisch gegenübergestellte Beleuchtungsansichten eines römisch inspirierten Glasgefäßes. Keine Aufnahme des antiken Originals oder der neuen Skulptur.

Von vorn beleuchtet wirkt der Lykurgos-Becher grünlich und fast undurchsichtig. Fällt Licht durch seine Wand, erscheint das Glas rubinrot. Dasselbe römische Gefäß liefert zwei erstaunlich verschiedene Ansichten. Dazu genügt eine andere Anordnung von Lichtquelle, Glas und Auge. Das Material wird dabei weder ausgetauscht noch chemisch verwandelt. Beschreibung des Objekts durch das British Museum

Winzige Metallpartikel und die innere Struktur des Glases bestimmen, welches Licht zum Betrachter zurückkehrt und welches hindurchgelangt. Dieser Effekt verbindet römisches Kunsthandwerk mit heutiger Materialforschung. Am 26. Oktober 2026 stellte die University of Sheffield ein Projekt vor, das solches Glas neu hergestellt und zu einer zeitgenössischen Skulptur verarbeitet hat. Das Ausstellungsprogramm nennt dafür den 6. bis 15. November 2026 in der Millennium Gallery. Projektmeldung · Tatsächliches Ausstellungsprogramm

Die Geschichte hat allerdings drei verschiedene Gegenstände: das antike Original, einen heute nachgebildeten Farbeffekt und den damaligen Herstellungsweg. Zwischen ihnen liegen wichtige Unterschiede. Frühere Forschende haben den Effekt ebenfalls nachgebildet. Ein erfolgreicher moderner Becher zeigt zunächst, dass ein bestimmtes Material funktionieren kann. Welchen Weg eine römische Werkstatt tatsächlich nahm, ist damit noch nicht entschieden.

Ein kostbares Objekt mit Lücken in seiner Geschichte

Der Becher wird dem 4. Jahrhundert nach Christus zugerechnet und befindet sich im British Museum in London. Er gehört zu den sogenannten Netzbechern, auch Diatretgläser genannt. Ihre Außenverzierung steht wie ein feines Gitter vor der eigentlichen Gefäßwand. Kleine Stege verbinden beide Ebenen. Beim Lykurgos-Becher bilden Figuren und Ranken dieses durchbrochene Relief.

Zu sehen ist eine Szene aus dem Mythos des thrakischen Königs Lykurgos und seines Konflikts mit Dionysos. Die Ranken, in denen der König gefangen wird, machen aus der Glaswand eine plastisch erzählte Geschichte. Dass ein so empfindliches Material solche freistehenden Formen tragen kann, ist bereits eine handwerkliche Leistung.

Original des Lykurgos-Bechers im British Museum mit durchbrochenem Figurenrelief und späterem Metallrand und Fuß.
Das antike Glas besitzt ein fein ausgeschnittenes Figurenrelief. Metallrand und Fuß sind spätere Ergänzungen. Foto: Vassil, Wikimedia Commons. CC0 1.0 Universal – freie Nutzung. · Originaldatei und Lizenznachweis
Ohne Beschnitt oder Farbkorrektur; für die Anzeige automatisch verkleinert. Die Museumsbeleuchtung erlaubt keinen standardisierten Farbvergleich.

An einem Fragment untersuchten Forschende erhaltene Werkzeugspuren. Feine Schleifmerkmale und die Bearbeitung unterhalb des Reliefs sprechen dafür, dass Glas mechanisch entfernt wurde. In der 2007 veröffentlichten Untersuchung von Ian Freestone, Nigel Meeks, Margaret Sax und Catherine Higgitt wird dieses Schneiden, Schleifen und Polieren genauer erschlossen. Auch die Gestaltung der Wanddicke gehört zum optischen Ergebnis: Hinter Figuren konnte Material ausgehöhlt werden, damit Licht durch die verschiedenen Bereiche des Gefäßes gelangte. Facharbeit über Glas und Bearbeitungsspuren

Die heute sichtbare Metallfassung erzählt eine weitere Zeitschicht. Rand und Fuß sind spätere Ergänzungen. Auch der ursprüngliche Fundort ist nicht sicher überliefert. Das erhaltene Kunstwerk ist deshalb zugleich ein Materialzeugnis und ein Objekt mit einer lückenhaften Besitz- und Nutzungsgeschichte. Aus seiner Schönheit lässt sich weder eine bestimmte Werkstatt noch ein konkreter Einsatz bei einem antiken Fest sicher ablesen.

Welches Licht das Auge erreicht

Die grüne und die rote Ansicht werden oft als dichroitischer Effekt bezeichnet. Das Wort bedeutet hier, dass sich die Farberscheinung bei zurückkommendem und hindurchtretendem Licht unterscheidet.

Bei der grünen Ansicht befinden sich Lichtquelle und Betrachter auf derselben Seite des Gefäßes. Licht trifft auf das Glas; ein Teil wird aus dem Material zurückgestreut und erreicht das Auge. Bei der roten Ansicht liegt die Lichtquelle auf der anderen Seite. Das Licht muss durch die Glaswand gelangen, bevor der Betrachter es sieht. Dabei werden bestimmte Anteile stärker geschwächt als andere.

Wo steht die Lichtquelle?

Schema ohne Messmaßstab: Dasselbe Glas wird mit unterschiedlich positionierter weißer Lichtquelle betrachtet. Farben und Lichtwege sind vereinfacht; beide Erklärungen bleiben direkt sichtbar.

Licht von vorn

Quelle und Auge sind auf derselben Seite. Ein Teil des Lichts wird aus dem Material zum Auge zurückgestreut.AugeGlas

Grün im zurückgestreuten Licht

Quelle und Auge sind auf derselben Seite. Ein Teil des Lichts wird aus dem Material zum Auge zurückgestreut.

Licht von hinten

Die Quelle steht jenseits des Glases. Licht durchquert das Material und erreicht das Auge rötlich.AugeGlas

Rot im durchfallenden Licht

Die Quelle steht jenseits des Glases. Licht durchquert das Material und erreicht das Auge rötlich.

Es findet kein Farbwechsel durch Erwärmung oder eine chemische Umwandlung beim Betrachten statt. Für den genauen Farbton zählen auch Beleuchtungsspektrum, Glasdicke und innere Struktur.

Studie zu Beleuchtung und zweifarbigem Material

Absorption bedeutet, dass das Material Lichtenergie aufnimmt. Streuung bedeutet, dass Licht seine Ausbreitungsrichtung verändert. Beide Vorgänge können von der Wellenlänge abhängen. Wellenlängen unterscheiden die Farben des sichtbaren Lichts. Das Auge erhält deshalb aus derselben Beleuchtung je nach Weg eine andere Mischung.

Ein gewöhnlicher farbiger Filter verdeutlicht einen Teil dieses Prinzips: Durch ihn kommt eine andere Lichtmischung hindurch als zuvor. Beim Lykurgos-Glas tritt die auffällige Erscheinung des zurückgestreuten Lichts hinzu. Eine bloße rote Färbung würde den grün-roten Vergleich noch nicht vollständig erklären.

Warum ein winziges Stück Metall anders wirkt als ein Goldring

Bei einem Goldring sehen wir die Eigenschaften einer ausgedehnten Metalloberfläche. Ein winziger Metallpartikel im Glas besitzt andere optische Bedingungen. Das elektrische Feld des Lichts kann die beweglichen Elektronen im Partikel gemeinsam anregen. Solche kollektiven Elektronenschwingungen werden als Plasmonen bezeichnet. Bei passenden Wellenlängen reagieren die Partikel besonders stark.

Welche Lichtanteile absorbiert oder gestreut werden, hängt unter anderem von Größe, Form und Zusammensetzung der Partikel sowie vom umgebenden Glas ab. Ein Goldteilchen muss deshalb nicht gelb aussehen. Unser Beitrag über Gold als Werkstoff und Nanomaterial erklärt diesen Größenwechsel ausführlicher.

Die Analyse des antiken Glases zeigte Metallpartikel typischerweise im Bereich von ungefähr 50 bis 100 Nanometern. Ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter. Die Teilchen sind damit deutlich kleiner als die Wellenlängen sichtbaren Lichts, die mehrere Hundert Nanometer betragen. Entscheidend ist ihre Gestalt als fein verteilte Partikel; der bloße Nachweis von Gold und Silber würde ihre optische Wirkung noch nicht festlegen.

Die 2007er Facharbeit beschreibt die Untersuchungen von David Barber und Ian Freestone aus den späten 1980er Jahren, veröffentlicht 1990. Sie verwendeten Elektronenmikroskopie mit Durchstrahlung: Elektronen durchstrahlen eine sehr dünne Probe und machen Strukturen sichtbar, die ein gewöhnliches Lichtmikroskop nicht auflösen kann. Ergänzende Röntgenanalyse erschloss die Elemente. Gefunden wurden Partikel einer Silber-Gold-Legierung, also eines metallischen Gemischs. Die Erklärung ist damit genauer als die Vorstellung zweier Sorten farbiger Glitzerkörner.

Weshalb Grün noch eine eigene Forschungsfrage ist

Die Beteiligung der Metallpartikel ist gut begründet. Wie viel einzelne Bestandteile zur gesamten Farberscheinung beitragen, muss jedoch am jeweiligen Glas geprüft werden. Eine wichtige Ergänzung liefert eine Arbeit von Andrey Drozdov und Kollegen aus dem Jahr 2021.

Das Team stellte Glasnachbildungen mit ähnlicher Zusammensetzung und ähnlichen optischen Eigenschaften her. Mit Elektronenmikroskopie und Spektralmessungen untersuchte es die innere Struktur. In den Replikaten entstanden unter anderem kleine, an Siliciumdioxid reiche Bereiche. Das Glas war auf dieser Ebene nicht vollkommen gleichmäßig verteilt. Die Autoren schlugen vor, dass Streuung an solchen Bereichen zusammen mit der Absorption durch Eisen wesentlich zur olivgrünen Ansicht beiträgt. Für das Weinrot im durchfallenden Licht ordneten sie die Metallnanopartikel als entscheidend ein. Originalarbeit und öffentliches Abstract

Diese Untersuchung ersetzt keine erneute vollständige Analyse des antiken Bechers. Sie zeigt an nachgebildetem Glas, dass mehrere Bestandteile einen ähnlichen sichtbaren Effekt erzeugen können. Deshalb ist die Kurzform „Silber macht Grün, Gold macht Rot“ für die ganze Geschichte zu grob. Ein passender Farbeindruck ist noch keine eindeutige Materialdiagnose.

Das gehört zu einer allgemeinen Eigenschaft von Glas: Seine chemischen Zutaten und seine Verarbeitungsgeschichte formen gemeinsam die innere Struktur. Wie diese Rezeptfamilie funktioniert, erklärt unser Beitrag zur Glaschemie und den unterschiedlichen Eigenschaften von Gläsern.

Was Sheffield neu hergestellt hat

In Sheffield entwickelte die Glastechnikerin Lisa Hollands das Material gemeinsam mit der Forschung zum historischen Glas weiter. Nach Angaben der Universität arbeitete sie mit der Expertin für römisches Glas Caroline Jackson an einem Grundglas aus modernen Ausgangsstoffen. Es sollte die Eigenschaften einer möglichen antiken Glasbasis aufnehmen.

Der schwierige Schritt bestand darin, geringe Metallmengen in eine geeignete Form innerhalb des Glases zu bringen. Laut Projektbericht variierte Hollands unter anderem Ausgangsmaterialien, Ofentypen und Sauerstoffbedingungen. Eine Zutatenliste allein legt das Ergebnis also nicht fest. Auch die Bedingungen während der Herstellung beeinflussen, welche inneren Strukturen entstehen. Einen ausführlichen, unabhängig überprüften Vergleich des gesamten neuen Herstellungsverfahrens mit allen früheren Repliken liefert die Projektmeldung nicht.

Ein erstes Stück wurde bereits bei LightFest 2025 gezeigt. Für die aktuelle Präsentation schuf der Glaskünstler Elliot Walker eine Skulptur aus dem neu hergestellten Material. Er verband dabei das Lykurgos-Thema mit der klassischen Atlas-Figur: An die Stelle der getragenen Weltkugel tritt ein Gefäß. Die Skulptur ist eine zeitgenössische künstlerische Arbeit und keine behauptete Kopie jedes Details des antiken Originals. Das Ausstellungsprogramm lädt ausdrücklich dazu ein, die Wirkung unter wechselnder Beleuchtung zu betrachten.

Der neue Gegenstand macht eine wissenschaftliche Erklärung sinnlich zugänglich. Eine andere Lichtführung kann zeigen, dass Farbe auch eine Beziehung zwischen Material, Beleuchtung und Beobachtung ist. Für einen fairen Vergleich müssen allerdings Beleuchtungsspektrum, Wanddicke und Betrachtungsanordnung bekannt sein.

Der Effekt wurde schon früher nachgebildet

Eine Studie von Lars Kool und Kollegen aus dem Jahr 2020 kombinierte Silber- und Goldnanopartikel mit einem Kunststoff namens Polyvinylalkohol, kurz PVA. Daraus fertigte das Team Material für einen 3D-Drucker und druckte einen Becher mit grün-rotem Beleuchtungseffekt. Das war ein moderner Nanoverbundstoff mit einem anderen Grundmaterial als römisches Silikatglas. Frei zugängliche Originalstudie

Interessant war dabei auch die Beleuchtung selbst. Eine Smartphone-Lichtquelle und eine Lichtquelle mit breiterer spektraler Abdeckung ließen das zurückkommende Licht unterschiedlich erscheinen. Die Autoren untersuchten diese Unterschiede mit Spektralmessungen. Ein Foto, das ein Objekt besonders grün oder rot zeigt, ist somit noch keine vollständige Beschreibung seiner optischen Eigenschaften.

Die Arbeit von 2021 ging wiederum den Weg über echte Glasreplikate. Diese unterschiedlichen Ansätze zeigen, weshalb Neuheit genau benannt werden muss. Man kann einen Farbeffekt nachbilden, eine ähnliche chemische Zusammensetzung herstellen, bestimmte innere Strukturen erzeugen oder daraus ein aufwendiges Kunstwerk gestalten. Jeder dieser Schritte beantwortet eine andere Frage. Sheffield verbindet die erneute Glasherstellung mit dem Können heutiger Glasmacher und einer neuen künstlerischen Form.

Was ein Nachbau über die Römer verraten kann

Ein gelungener Nachbau prüft, ob ein bestimmter Herstellungsweg ein passendes Ergebnis ermöglicht. Er liefert zugleich neue Vergleichsstücke für Messungen. So lässt sich untersuchen, welche Bedingungen die Entstehung von Partikeln oder anderen feinen Strukturen begünstigen und wie diese das Licht beeinflussen.

Für eine historische Rekonstruktion kommen weitere Belege hinzu: Welche Rohstoffe waren verfügbar? Welche Ofenbedingungen waren erreichbar? Welche Spuren haben Werkzeuge und Verarbeitung am Original hinterlassen? Ein modernes Ergebnis wird besonders aussagekräftig, wenn diese unterschiedlichen Hinweise zusammenpassen.

Die römischen Handwerker konnten über große praktische Erfahrung verfügen, ohne eine Theorie der Plasmonen oder Elektronenmikroskope zu besitzen. Ob die entscheidenden Metallspuren gezielt dosiert, mit anderen Zutaten eingebracht oder zunächst zufällig wirksam wurden, bleibt eine eigene historische Frage. Die wenigen erhaltenen Vergleichsstücke begrenzen, wie sicher man solche Abläufe zurückverfolgen kann.

Am Lykurgos-Becher treffen dadurch mehrere Formen von Wissen zusammen. Das Original bewahrt sichtbare Bearbeitung und unsichtbare Materialstruktur. Die Analytik erschließt winzige Bestandteile. Nachbildungen testen mögliche Wege, und die Kunst macht den Effekt wieder erfahrbar. Beim Wechsel von Grün zu Rot sieht man einen gut erklärbaren Lichtvorgang. Der Weg durch die antike Werkstatt bleibt eine anspruchsvolle Rekonstruktion.

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