
Die ersten Kilometer gehen noch ordentlich. Später fühlt sich dasselbe Tempo teurer an: mehr Anstrengung für dieselbe Bewegung. Wer länger läuft, kennt diesen Wechsel. Bei Wärme kommt eine zweite Aufgabe hinzu: Der Körper muss die bei der Muskelarbeit entstehende Wärme loswerden.
Aber verschlechtert Hitze alle physiologischen Voraussetzungen des Laufens im selben Maß? Eine am 6. November 2026 veröffentlichte Laborstudie von Ben Hunter und Kollegen ergibt ein differenziertes Bild. Zehn trainierte Personen liefen bei 19 und bei 30 Grad. Im warmen Versuch stiegen die gemessenen Laufkosten stärker, und die Geschwindigkeit am Ende eines anschließenden Stufentests sank stärker. Für die Veränderung des Schwellentempos und der Spitzen-Sauerstoffaufnahme fand das Team dagegen keinen zusätzlichen Wärmeeffekt. Das Schwellentempo war bei Wärme allerdings schon vor dem langen Lauf niedriger.
Genau dieser Unterschied zwischen schlechterer Ausgangslage und stärkerem Abfall unterwegs macht den Versuch interessant. Ein frischer Leistungstest beschreibt einen langen Lauf nur zum Teil.
Vier Messgrößen, vier verschiedene Fragen
Mit „Ausdauer“ lässt sich viel sagen und wenig unterscheiden. Für die neue Untersuchung sind vier Größen wichtig:
Laufökonomie: Wie viel physiologischer Aufwand ist für ein bestimmtes Lauftempo nötig? Üblicherweise wird dafür der Sauerstoff- oder Energiebedarf bei vorgegebener Geschwindigkeit betrachtet. Zwei Menschen können gleich schnell laufen und dabei unterschiedlich viel aufwenden. Verschlechtert sich die Ökonomie, wird dieselbe Bewegung gewissermaßen kostspieliger. Das ist keine Aussage darüber, wie elegant jemand aussieht.
Erste ventilatorische Schwelle, kurz VT1: In einem zunehmend anstrengenden Test verändert sich das Verhältnis von Atmung und Sauerstoffaufnahme. Die erste ventilatorische Schwelle markiert einen solchen Übergang. Die Geschwindigkeit an dieser Schwelle heißt hier Schwellentempo. Sie wird aus Atemgasen bestimmt; sie ist nicht einfach dasselbe wie eine aus Blutlaktat abgeleitete Schwelle und lässt sich auch nicht durch eine einzige universelle Pulszahl ersetzen.
Spitzen-Sauerstoffaufnahme, VO₂peak: Das ist die höchste im jeweiligen Test gemessene Sauerstoffaufnahme. Sie beschreibt eine wichtige Obergrenze der beobachteten aeroben Leistung. Die Studie nennt ausdrücklich einen Spitzenwert. Der Begriff behauptet nicht automatisch, dass in jedem Test das absolute physiologische Maximum zweifelsfrei erreicht wurde.
Endgeschwindigkeit im Stufentest: Wie schnell kann die Person am Ende des schrittweise verschärften Tests noch laufen? Das ist ein direktes Ergebnis dieses Testablaufs. Es ist weder das Durchschnittstempo des vorausgegangenen 90-Minuten-Laufs noch eine Marathonprognose.
Diese Größen hängen zusammen, sind aber nicht austauschbar. Eine hohe Sauerstoffaufnahme hilft wenig, wenn ein Tempo inzwischen mehr kostet; ein guter frischer Schwellenwert sagt noch nicht, wie stabil er nach langer Belastung bleibt. Die sportphysiologische Übersicht von Andrew Jones und Brett Kirby beschreibt diese Dauerabhängigkeit als „Resilience“ oder „Durability“: Wie widerstandsfähig bleiben die leistungsbestimmenden Größen während einer langen Belastung?
Dieselben Menschen, unterschiedliche Bedingungen
An der neuen Studie nahmen sieben Männer und drei Frauen teil. Sie waren trainiert und im Mittel 38 Jahre alt. Jede Person kam viermal ins Labor. Die Reihenfolge der Temperaturbedingungen wurde randomisiert, also zufällig zugeteilt. Damit werden persönliche Unterschiede zwischen einer vermeintlich besonders fitten „kühlen Gruppe“ und einer weniger fitten „warmen Gruppe“ vermieden: Es wurden dieselben Menschen unter beiden Bedingungen untersucht.
Die Laufintensität wurde an die jeweilige Leistungsfähigkeit in der betreffenden Temperatur angepasst. Laut Originalabstract lag die Geschwindigkeit um fünf Prozent des Abstands zwischen Schwellentempo und Endgeschwindigkeit oberhalb des Schwellentempos. Das bedeutet nicht „fünf Prozent schneller als die Schwelle“: Gemeint ist ein Anteil der Differenz zwischen zwei Testwerten. Vor allem bedeutet es nicht, dass die Personen bei beiden Temperaturen zwingend dieselbe absolute Geschwindigkeit liefen.
Das ist eine entscheidende Versuchsfrage. Untersucht wird, was bei vergleichbar angesetzter relativer Belastung geschieht. Wer stattdessen bei 30 Grad stur dieselbe Kilometerzeit wie bei 19 Grad erzwingt, stellt eine andere Frage.
Zehn trainierte Menschen sind zugleich eine enge Grundlage. Freizeitneulinge, ältere Personen, Kinder oder Menschen mit Erkrankungen lassen sich daraus nicht zuverlässig abbilden. Das Originalabstract ist über PubMed zugänglich; die vollständige Verlagsfassung war für diese Auswertung nicht erreichbar. Details, die das Abstract nicht nennt, etwa einzelne Verläufe oder genaue Trinkbedingungen, lassen sich deshalb hier nicht ergänzen.
Was sich stärker veränderte – und was nicht
Bei der Laufökonomie setzt der berichtete Vergleich in Minute 15 an. Bis Minute 90 verschlechterte sie sich bei 19 Grad um 1,7 Prozent, bei 30 Grad um 5,4 Prozent. Die Wärmebedingung zeigte somit einen stärkeren Anstieg der Laufkosten. Die Zahlen beschreiben nicht den Unterschied zwischen völlig ausgeruhtem Zustand und Laufende; der erste Messpunkt liegt bereits im laufenden Versuch.
Auch die Endgeschwindigkeit im anschließenden Stufentest ging bei Wärme stärker zurück: um 12,1 Prozent gegenüber 6,8 Prozent unter gemäßigten Bedingungen. Ein höherer Aufwand unterwegs und weniger Tempo am Testende ergeben zusammen ein nachvollziehbares Bild zusätzlicher Belastung. Daraus folgt aber keine ebenso große prozentuale Verlängerung einer Wettkampfzeit.
Beim Schwellentempo lauten die Veränderungen nach dem langen Lauf minus 8,6 Prozent bei 19 Grad und minus 11,1 Prozent bei 30 Grad. Die Zahlen unterscheiden sich. Das Team fand jedoch keinen statistischen Nachweis dafür, dass sich die Veränderung zwischen den Bedingungen unterscheidet. Entsprechendes gilt für die Spitzen-Sauerstoffaufnahme: Sie sank um 4,8 beziehungsweise 4,0 Prozent, ohne nachgewiesenen zusätzlichen Wärmeeffekt auf den Rückgang.
Kein nachgewiesener Unterschied ist kein Beweis identischer Reaktionen. Bei zehn Personen können Unterschiede auch unentdeckt bleiben. Die angemessene Aussage lautet daher: Unter diesem Protokoll ließ sich die zusätzliche Verschlechterung für Laufökonomie und Endgeschwindigkeit zeigen, für Schwellentempo und VO₂peak dagegen nicht.
Warum der Ausgangswert die Geschichte verändert
Beim Schwellentempo begann der warme Versuch bereits auf niedrigerem Niveau: Frisch war es bei 30 Grad im Mittel ungefähr sieben Prozent beziehungsweise 0,8 Kilometer pro Stunde geringer als bei 19 Grad.
Nach dem langen warmen Lauf lag es laut Abstract im Mittel 17,1 Prozent unter dem frischen Wert bei 19 Grad. Diese Zahl vermischt nicht versehentlich zwei Messungen, sondern beantwortet bewusst eine andere Frage: Wie weit liegt der warme, ermüdete Zustand vom kühlen, frischen Ausgangspunkt entfernt?
Die 17,1 Prozent sind deshalb kein Maß allein für den zusätzlichen Ermüdungseffekt der Wärme. Ebenso wenig darf man die sieben Prozent Ausgangsunterschied und die 11,1 Prozent späteren Rückgang einfach addieren: Sie beziehen sich auf unterschiedliche Ausgangswerte.
Für die Einordnung eines Laufs ist das relevant. Wärme kann die verfügbare Leistungsfähigkeit bereits vor der langen Belastung verringern. Dass eine Messgröße anschließend nicht nachweisbar schneller abfällt, hebt diesen anfänglichen Nachteil nicht auf.
Der Körper bewegt sich und muss zugleich kühlen
Muskeln setzen nur einen Teil der umgesetzten Energie in äußere Bewegung um. Viel wird zu Wärme. Bei Wärmebelastung steigt die Bedeutung der Wärmeabgabe, unter anderem über die Haut und die Verdunstung von Schweiß. Flüssigkeitsverluste können die Kreislaufaufgabe zusätzlich erschweren. Die Lufttemperatur allein beschreibt dabei noch nicht die gesamte Belastung: Luftfeuchte, Wind, Sonnenstrahlung und Kleidung verändern die Möglichkeiten, Wärme abzugeben.
Der IOC-Konsens zu Sportveranstaltungen in der Hitze ordnet diese Faktoren gemeinsam ein. Deshalb sind 30 Grad in einer kontrollierten Laborbedingung nicht gleichbedeutend mit 30 Grad auf einer sonnigen, windstillen Straße. Selbst dieselbe relative Luftfeuchte bedeutet bei verschiedenen Temperaturen nicht dieselbe Wasserdampfmenge in der Luft.
Warum Laufkosten mit der Dauer steigen können, hat außerdem mehrere mögliche Ursachen. Die physiologische Übersicht diskutiert unter anderem Veränderungen der Energiebereitstellung, der Muskelrekrutierung und der Bewegungsmechanik. Das sind Erklärungsansätze aus der Forschung. Aus dem zugänglichen Abstract der neuen Studie lässt sich nicht ablesen, welcher Anteil des beobachteten Effekts auf welchen Mechanismus zurückging. „Mehr Schwitzen“ ist daher keine vollständige Erklärung für die gemessene Veränderung der Laufökonomie.
Von diesen akuten Vorgängen zu unterscheiden ist die Anpassung an wiederholte Wärmebelastung über mehrere Tage. Was sich dabei an Schweißreaktion und Kreislauf verändern kann, erklärt unser Beitrag zur Hitzeakklimatisation beim Sport. Die neue Untersuchung ist kein Beleg für einen bestimmten Akklimatisationsplan.
Ein früherer Versuch zeigt, weshalb das Protokoll zählt
Ein 2025 veröffentlichter Versuch mit 18 Marathonläuferinnen und Marathonläufern untersuchte ebenfalls einen 90-minütigen Lauf. Auch dort sanken danach Schwellentempo und Spitzen-Sauerstoffaufnahme. Die Laufökonomie veränderte sich jedoch nicht nachweisbar.
Das ist kein sauberer Gegenversuch zur neuen Wärmestudie. Zwei Autoren gehören zu beiden Arbeiten; es handelt sich nicht um eine unabhängige Replikation. Außerdem wurde die längere Belastung dort an einer Laktatschwelle ausgerichtet und nicht am gleichen temperaturabhängigen Abstand zwischen ventilatorischer Schwelle und Endgeschwindigkeit. Die Temperatur lag ungefähr bei 23 Grad, ohne den neuen randomisierten 19-gegen-30-Grad-Vergleich.
Der frühere Befund ist dennoch hilfreich: Es gibt keinen einfachen Automatismus, nach dem bei jedem 90-Minuten-Lauf jede Leistungsgröße zwangsläufig um denselben Betrag schlechter wird. Belastung, Messverfahren, Ausgangszustand und untersuchte Menschen gehören zur Aussage dazu. Genau deshalb ist „nach 90 Minuten“ keine biologische Stoppuhr, die bei allen gleichzeitig umspringt.
Was für einen warmen Lauftag daraus folgt
Die Studie gibt einen guten Grund, frische Laborwerte und vertraute Kilometerzeiten unter Wärmebelastung aufmerksam einzuordnen. Sie liefert keinen persönlichen Trainingsplan, keine sichere Lufttemperatur und keine Formel für das eigene Wettkampftempo. Dafür fehlen schon die nötige Stichprobengröße und eine Prüfung der Übertragbarkeit auf reale Rennen.
Praktische Sicherheitshinweise stammen daher aus breiteren Empfehlungen. Die US-Gesundheitsbehörde CDC rät unter anderem zu kühleren Tageszeiten, angepasst begonnener Belastung, leichter Kleidung und gegenseitiger Aufmerksamkeit. Wer sich schwach oder schwindelig fühlt, soll die Aktivität beenden und einen kühlen Ort aufsuchen. Verwirrtheit oder Bewusstseinsstörungen sind medizinische Notfallzeichen; dann sofort Hilfe rufen und mit Kühlung beginnen. Die CDC-Übersicht zu hitzebedingten Erkrankungen trennt solche Warnzeichen von gewöhnlicher Anstrengung.
Auch Trinken lässt sich nicht als „je mehr, desto besser“ lösen. Der IOC-Konsens berücksichtigt sowohl Flüssigkeitsmangel als auch übermäßiges Trinken und empfiehlt eine an Person und Bedingungen angepasste Planung. Gesundheitszustand und Medikamente können die Situation zusätzlich verändern; unser Beitrag über Hitzeschutz als medizinische Prävention erschließt diese andere Ebene.
Die neue Studie macht vor allem sichtbar, was in einer einzigen Pace-Zahl verschwindet: Ausgangsleistung, Kosten der Bewegung und Belastbarkeit nach längerer Zeit können sich auseinanderentwickeln. Wer den warmen Lauf verstehen will, muss diese Größen auseinanderhalten.





