Karte erst ab zehn Euro? Was Bezahlen den Laden wirklich kostet

Bargeld ist pro Zahlung am billigsten, die Girocard gemessen am Umsatz. Warum beides stimmt und was ein Kartenschild an der Kasse wirklich aussagt.

Zur Entstehung: Dieser Beitrag entstand in einem von Benjamin Metzig geplanten und redaktionell geführten Arbeitsprozess. Er bestimmte Thema, Struktur und Maßstäbe, prüfte und überarbeitete Inhalt, Quellen und Darstellung und entschied über die Veröffentlichung. Generative KI diente dabei als Werkzeug; sie wurde auch für das Artikelbild eingesetzt. So arbeitet die Redaktion.
Antwort finden. Zusammenhänge verstehen.
Kassenbon zwischen Münze und Girocard: Cover zur Frage, was Bezahlen den Handel kostet

„Kartenzahlung erst ab zehn Euro“: Ein kleiner Zettel an der Kasse klingt wie eine unumstößliche Kostenrechnung. Doch die Zahlen der Bundesbank liefern zwei verschiedene Sieger. Eine Barzahlung kostet den untersuchten Handel im Durchschnitt weniger als eine Zahlung mit der Girocard. Gemessen am Umsatz ist ausgerechnet die Girocard günstiger. Das ist kein Rechenfehler. Es sind zwei Fragen, die an derselben Kasse beantwortet werden müssen. Welche davon für einen bestimmten Laden zählt – und ob zehn Euro überhaupt eine belastbare Grenze sind –, lässt sich erst nach einem Blick auf die Kosten hinter dem Bezahlmoment verstehen.

Die kurze Antwort

Bargeld kostete die untersuchten Betriebe im Mittel 43 Cent pro Zahlung, die Girocard 60 Cent. Bezogen auf den erzielten Umsatz kehrt sich die Reihenfolge um: 2,3 Prozent bei Bargeld, 0,8 Prozent bei der Girocard.

  • Pro Zahlung und pro Euro Umsatz sind zwei verschiedene Kostenfragen.
  • Die Durchschnittswerte gelten für unterschiedliche typische Einkaufsbeträge und Betriebe.
  • Eine allgemeine Zehn-Euro-Grenze lässt sich daraus nicht ableiten.

Das Kassenschild kann eine Ladenentscheidung sein; es ist keine allgemeine Regel der Zahlungsökonomie.

Kernpunkte

  • Die Bundesbank-Kostenstudie nennt für Bargeld durchschnittlich 43 Cent je Zahlung und für die Girocard 60 Cent. Pro Euro Umsatz liegt die Girocard mit 0,8 Prozent vor Bargeld mit 2,3 Prozent.
  • Das sind Durchschnittswerte verschiedener Einkäufe. Sie verraten weder den Vertrag eines einzelnen Geschäfts noch die Zusatzkosten einer einzigen Kartenzahlung.
  • Hinter jedem Bezahlweg stehen Personalzeit, Geräte und Entgelte. Eine pauschale Mindestgrenze lässt sich aus der Studie nicht berechnen.

Wie können zwei Zahlungsmittel zugleich die billigsten sein?

Stell dir zwei Rechnungen vor. Die erste teilt alle Kosten einer Zahlungsart durch die Zahl ihrer Zahlungen. Sie beantwortet: Was kostet ein Vorgang im Mittel? Die zweite teilt die Kosten durch den damit erzielten Umsatz. Sie beantwortet: Welcher Anteil des eingenommenen Geldes geht für das Bezahlen drauf? Beide Rechnungen sind sinnvoll. Sie messen aber nicht dasselbe.

Die Bundesbank hat 2025 die Kosten für den stationären Handel veröffentlicht. Ihr Ergebnis: Bargeld kommt auf 0,43 Euro je Transaktion, die Girocard auf 0,60 Euro. Nimmt man stattdessen den Umsatz als Nenner, stehen 2,3 Prozent bei Bargeld gegen 0,8 Prozent bei der Girocard. Internationale Debitkarten liegen bei 0,69 Euro und 2,1 Prozent, Kreditkarten bei 1,00 Euro und 2,4 Prozent. Diese Werte gelten für die jeweilige Zahlungsart in der Erhebung. Sie sind kein Preiszettel für jede einzelne Zahlung.

Vier Zahlungsarten, zwei Rechnungen

KriteriumKosten je ZahlungKosten je Umsatz
Bargeld0,43 €2,3 %
Girocard0,60 €0,8 %
Visa/Mastercard Debit0,69 €2,1 %
Kreditkarte1,00 €2,4 %

Warum dreht sich die Reihenfolge? Bargeld wird häufiger für kleine Beträge genutzt, Karten häufiger für größere. Wer ähnliche Kosten auf kleinere Warenkörbe verteilt, erhält einen höheren Prozentwert. Zudem setzen sich die Kostenarten unterschiedlich zusammen. Es wäre deshalb falsch, 43 Cent und 0,8 Prozent einfach für einen fiktiven Einkauf gegeneinanderzurechnen. Der Prozentwert ist keine pauschale Kartengebühr, die jeder Händler auf genau diesen Einkauf zahlt. Die europäische SPACE-Studie der EZB bestätigt den Unterschied im Zahlungsverhalten: Bargeld dominiert eher kleine Zahlungen, Karten größere. Auch das ist ein Muster, keine Anweisung an die Kasse.

Was kostet der Griff ins Portemonnaie wirklich?

Die sichtbare Gebühr ist nur ein Teil der Rechnung. Die Bundesbank berücksichtigte unter anderem Geräte, Transaktionsentgelte, Bargeldversorgung, Verluste und den Zeitaufwand an der Kasse und in der Verwaltung. Bei einer Barzahlung fallen nicht einfach null Euro an, nur weil kein Kartenterminal piept. Münzen müssen als Wechselgeld vorliegen, die Kasse wird gezählt und Einnahmen werden eingezahlt. Umgekehrt ist eine Kartenzahlung mehr als die prozentuale Gebühr: Das Terminal, Zahlungsdienst und Arbeitszeit zählen ebenfalls.

Was bei einer Zahlung Kosten erzeugt

  1. Annehmen

    Kassenpersonal und Kundschaft brauchen Zeit; auch ein Griff ins Portemonnaie ist betriebswirtschaftlich nicht gratis.

  2. Abwickeln

    Bargeld verlangt Wechselgeld, Zählen und Einzahlung; Karten verlangen Terminal, Netz und Entgelte des Zahlungsdienstes.

  3. Verteilen

    Feste Kosten verteilen sich auf unterschiedlich viele Zahlungen und Warenkörbe; der Nenner verändert daher das Ranking.

Die Studie stützt sich auf rund 13.000 Zeitmessungen an 15 Verkaufsstellen und auf 268 auswertbare Fragebögen von Handelsunternehmen. Das macht sie wesentlich gehaltvoller als eine einzelne Händleranekdote. Es macht sie aber nicht zur Echtzeitmessung jeder heutigen Kasse: Die Zeitmessungen fanden im August 2022 statt; die Veröffentlichung kam 2025. Auch die Kosten hängen von Branche und Betriebsgröße ab. Große Händler können Gebühren häufig anders aushandeln und verteilen Geräte auf mehr Zahlungen. Kleine Geschäfte haben andere Verträge und andere Abläufe. Die Bundesbank selbst weist auf diese Unterschiede hin.

Eine zweite Kostenstudie von ibi research wertete 347 gültige Händlerfragebögen aus einer Befragung von 2024 aus. Sie erweitert den Blick, ersetzt aber den methodischen Vergleich nicht: Stichproben, Kostenansätze und Zahlungsbeträge können zu anderen Durchschnittswerten führen. Deshalb zählt hier vor allem der robuste Befund, dass die Antwort von Kostenart, Bezugsgröße und Betrieb abhängt – nicht eine scheinbar magische Zahl auf dem Kassenaufsteller.

Beweist das Schild „Karte erst ab zehn Euro“ etwas?

Nein, jedenfalls nicht durch diese Studien allein. Das Schild kann eine betriebliche Entscheidung sein. Vielleicht ist ein bestimmter Vertrag bei kleinen Beträgen ungünstig, vielleicht dauert die Abwicklung im konkreten Laden länger, vielleicht stammt die Regel aus älteren Konditionen. Für solche Erklärungen müsste man den jeweiligen Vertrag und Ablauf kennen. Die Bundesbank hat Durchschnittskosten, keine allgemeine Schwelle der zusätzlichen Kosten einer einzelnen Kartenzahlung erhoben. Das ist ein wichtiger Unterschied: Ein bereits angeschafftes Terminal verursacht nicht bei jedem neuen Verkauf nochmals seinen vollen Anschaffungspreis.

Ebenso wenig beweist der umsatzbezogene Girocard-Vorteil, dass jeder kleine Karteneinkauf für jeden Laden günstiger wäre als Bargeld. Ein Prozentwert aus vielen unterschiedlich großen Käufen ist keine Antwort auf „Was kostet hier genau die Zahlung über 4,80 Euro?“. Wer die Behauptung einer festen Zehn-Euro-Grenze prüfen will, braucht einen konkreten Tarif, den durchschnittlichen Warenkorb, Zahlungen pro Tag und die Frage, welche Kosten sich durch einen zusätzlichen Vorgang wirklich ändern.

Der praktische Wert der Studie liegt gerade darin, die einfache Parole zu zerlegen. Sie zeigt, warum Händler bei verschiedenen Zahlarten zu verschiedenen Schlussfolgerungen kommen können. Sie liefert keine Munition, um einer Kassiererin oder einem Kassierer eine allgemeingültige Rechenregel entgegenzuhalten.

Warum verschwindet Bargeld trotz Kartentrend nicht?

Das Zahlungsverhalten verändert sich. Laut der Bundesbank-Studie zum Jahr 2025 wurden erstmals 55 Prozent der erfassten Einkäufe bargeldlos bezahlt. Bargeld blieb zugleich die am häufigsten genutzte einzelne Zahlungsart mit 45 Prozent; verschiedene bargeldlose Verfahren ergeben zusammen die Mehrheit. Wer diese beiden Sätze für einen Widerspruch hält, zählt einmal ein einzelnes Verfahren und einmal eine Gruppe.

Die EZB befragte 2026 Unternehmen in 21 Euro-Ländern. Bei physischen Verkaufsstellen akzeptierten 92 Prozent Bargeld, 88 Prozent Kartenzahlungen. Rund ein Drittel hatte keine bevorzugte Zahlungsart; 24 Prozent bevorzugten Debitkarten und 21 Prozent Bargeld. Das sind Selbstauskünfte im Euroraum, keine deutschen Kostenwerte. Die Zahlen belegen, dass aus wachsendem Kartengebrauch kein einheitlicher Händlerwunsch folgt. Zur Frage nach Motiven gehört neben Geld auch, ob ein Verfahren zuverlässig funktioniert und für Kundschaft verfügbar bleibt.

Das EHI Retail Institute meldete für seine Erhebung 2026, dass der Bargeldanteil am deutschen Einzelhandelsumsatz 2025 unter ein Drittel fiel. Auch hier gilt: Umsatzanteil ist nicht Anzahl der Zahlungen. Die Unterscheidung ist dieselbe, die den vermeintlichen Widerspruch der Kostenstudie auflöst. Wer tiefer in die Technik des kontaktlosen Bezahlens einsteigen möchte, findet sie im Beitrag über RFID und NFC im Alltag. Die größere Infrastrukturfrage behandelt unser Text zum digitalen Euro; er beantwortet eine andere Frage als die Kosten an einer heutigen Kasse.

Was lässt sich aus den Zahlen fair folgern?

Die deutsche Vollkostenstudie ist für den Vergleich der Zahlungsmittel ergiebig, doch sie vermischt nicht alles zu einem Urteil „Bargeld gut“ oder „Karte gut“. Sie misst Durchschnittskosten. Die EZB-Erhebung misst Händlerpräferenzen. Die Verbraucherbefragung misst Nutzung. Diese Perspektiven ergänzen sich, dürfen aber nicht als identische Messung gelesen werden.

Was die Studien zeigen – und was nicht

  • Deutsche Kostenstudie

    Bargeld 43 Cent pro Vorgang; Girocard 0,8 Prozent des Umsatzes.

    Aussagekraft
    Erfasst Gebühren, Geräte und Zeit; 268 auswertbare Händlerfragebögen.
    Grenze
    Zeitmessungen aus 2022 und Durchschnitt statt Kosten einer zusätzlichen Einzelzahlung.
  • EZB-Händlerbefragung 2026

    Im Euroraum bevorzugen 24 Prozent Debitkarten, 21 Prozent Bargeld; ein Drittel hat keine Präferenz.

    Aussagekraft
    Befragt Händler in 21 Euro-Ländern zu Akzeptanz und Vorlieben.
    Grenze
    Selbstauskunft zu Präferenzen, keine Messung deutscher Zahlungskosten.

Für einen Laden wäre die faire Frage: Welche Kosten sind fix, welche fallen mit einer zusätzlichen Zahlung an, und wie hoch sind die typischen Einkaufsbeträge bei uns? Für Kunden ist die faire Antwort kleiner, aber nützlich: Das Zehn-Euro-Schild sagt etwas über die Regel dieses Geschäfts. Es beweist nicht, dass Karten unter zehn Euro grundsätzlich unwirtschaftlich sind. Und die scheinbar gegensätzlichen Sieger der Bundesbank sind keine Ausrede, Zahlen zu ignorieren. Sie zeigen, dass man zuerst fragen muss: Kosten pro Zahlung oder Kosten pro Umsatz?


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