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Ökologie

Waren wandernde Huftiere anfälliger fürs Aussterben?

Unter den untersuchten ausgestorbenen Huftieren war Wanderfähigkeit im Modell häufiger. Was Fossilien dafür hergeben und warum daraus kein einfaches Aussterberisiko folgt.

Redaktion: Benjamin Metzig. KI als Werkzeug für Text und Bild.

Dieser Beitrag entstand in einem von Benjamin Metzig geplanten und redaktionell geführten Arbeitsprozess. Er bestimmte Thema, Struktur und Maßstäbe, prüfte und überarbeitete Inhalt, Quellen und Darstellung und entschied über die Veröffentlichung. Generative KI diente dabei als Werkzeug; sie wurde auch für das Artikelbild eingesetzt. Zur Arbeitsweise der Redaktion

KI-Illustration einer Gabelbockherde in offenem Grasland, deren Weg von einem Drahtzaun unterbrochen wird.
KI-Symbolillustration einer heutigen Wanderbarriere. Der Zaun steht für die Abhängigkeit von offenen Wegen; er stellt keine nachgewiesene Ursache früherer Aussterbeereignisse dar.

Fünf Gabelböcke trafen auf ihrer Frühjahrswanderung in Montana auf einen Zaun. Vier kehrten um und liefen etwa fünf Kilometer nach Norden zurück, bevor sie an anderer Stelle ihren Weg fortsetzen konnten. So verzeichnete es der US Geological Survey anhand von Senderdaten. Nach einem Umbau des Zauns passierten zwei besenderte Tiere den zuvor blockierten Abschnitt. Ein kurzer Engpass hatte den Verlauf einer viel längeren Wanderung verändert.

Ein solcher Fall zeigt, was Wanderungen zugleich nützlich und verletzlich macht: Wer Futter und Schutz in verschiedenen Gebieten findet, braucht einen Weg zwischen ihnen. Eine Studie von Joel Abraham und Kollegen in *PLOS Biology* vom 5. November 2026 fragt, ob sich diese Verletzlichkeit auch in der Evolutionsgeschichte zeigt. Unter den untersuchten ausgestorbenen Huftieren war Wanderfähigkeit im Modell auffallend häufig. Das Verhalten der meisten dieser Arten musste das Team allerdings aus anderen Merkmalen erschließen.

Warum es sich lohnt, weiterzuziehen

Junges Gras sprießt nicht überall zur gleichen Zeit. In einem Tal kann es schon wachsen, während höher gelegene Flächen noch unter Schnee liegen. Herden, die dem frischen Aufwuchs folgen, erreichen über längere Zeit nährstoffreiches Futter. Andernorts kann der Wechsel zwischen Regen- und Trockenzeit bestimmen, wo sich Wasser und Nahrung finden. Die Vergleichsstudie zur Evolution von Huftierwanderungen verbindet Wanderfähigkeit unter anderem mit grasreicher Ernährung und stärker saisonalen Regionen.

Ein großer Aktionsraum bietet also Möglichkeiten. Er macht die Tiere aber auch von mehreren passenden Orten und den Verbindungen dazwischen abhängig. Eine Futterfläche kann erhalten bleiben und für eine Herde trotzdem wertlos werden, wenn sie den Zugang verliert. Unser Überblick über Tierwanderungen im 21. Jahrhundert zeigt, wie Forscherinnen und Forscher solche Veränderungen heute verfolgen.

Manchmal zieht nur ein Teil einer Art. Das Team zählt eine Art deshalb als wanderfähig, wenn wenigstens eine Population irgendwann jahreszeitlich zwischen getrennten Gebieten hin und zurück gezogen ist. Einzelne Tiere dürfen also am selben Ort bleiben. Ebenso kann eine Population ihre Wanderung verlieren, ohne dass damit die ganze Art ausstirbt.

Von einem Fossil zu einer möglichen Wanderung

Bei lebenden Arten stützt sich die Einordnung auf dokumentiertes Verhalten. Bei den ausgestorbenen Tieren fehlen solche Beobachtungen. Die Forschenden sammelten deshalb für sie drei Angaben: geschätzte Körpermasse, Grasanteil in der Nahrung und die geografische Breite des Verbreitungsgebiets. Für den Grasanteil kommen unter anderem chemische Messungen an Fossilien infrage. Gerade diese Information war oft nicht zuverlässig verfügbar. So blieben 51 ausgestorbene Arten übrig, für die alle nötigen Merkmale vorlagen.

An lebenden Arten lässt sich prüfen, welche dieser Merkmale mit Wanderfähigkeit zusammenhängen. Das Team berücksichtigte außerdem, wie eng Arten verwandt sind. Eine Ähnlichkeit zwischen zwei nah verwandten Arten ist weniger überraschend als dieselbe Ähnlichkeit zwischen entfernten Verwandten. Aus dem Muster schätzten die Forschenden, welche ausgestorbenen Arten wahrscheinlich wandern konnten. Sie wiederholten die Rechnung mit 100 Varianten des Stammbaums, weil nicht jede Verzweigung sicher feststeht.

Was wurde beobachtet, was geschätzt?

KriteriumLebende ArtenAusgestorbene Arten
Bezugsgruppe207 lebende Huftierarten im Datensatz.51 ausgestorbene Arten mit allen nötigen Merkmalen.
Wanderfähigkeit95 von 207 (46 %): in der Literatur dokumentiert, teils nur in einzelnen Populationen.Im Median 41 von 51 (rund 80 %): aus Merkmalen und Verwandtschaft modelliert.
Was offenbleibtKeine GPS-Messung für jede Art; auch historische Beobachtungen zählen.39 bis 42 je nach Stammbaum. Nur 16 Arten ließen sich mit separaten Fossilbefunden abgleichen.

Je nach Stammbaum stufte das Modell 39 bis 42 der 51 Arten als wanderfähig ein. Der Median, also der mittlere Wert dieser Verteilung, lag bei 41. Die Spanne zeigt, wie sehr die Zuordnung zwischen den verwendeten Stammbäumen variiert. Andere Unsicherheiten, etwa fehlende Arten oder Fehler in den Merkmalen, sind darin nicht vollständig enthalten. Die zugrunde liegenden Merkmalsdaten und Modelltabellen sind öffentlich einsehbar.

Die rund 80 Prozent beschreiben die untersuchten ausgestorbenen Arten. Sie sagen nicht, dass 80 Prozent aller wandernden Huftiere ausgestorben sind. Für eine solche Risikorechnung müsste man unter anderem wissen, wie viele wandernde und nicht wandernde Arten über vergleichbare Zeiträume überhaupt dem Risiko ausgesetzt waren und welche davon fehlen.

Zähne können eine andere Spur liefern

Manche Fossilien tragen Hinweise auf Bewegung, die unabhängig von Körpergröße und Grasanteil sind. Das Verhältnis bestimmter Strontiumisotope im Zahnschmelz kann sich ändern, wenn ein Tier in Gebiete mit anderer Geologie zieht. Ein Zahn, der über einen längeren Zeitraum wächst, kann deshalb mehrere Aufenthaltsorte andeuten. Aus der Chemie allein entsteht aber keine lückenlose Karte. Ein ähnliches Prinzip erklärt unser Artikel über Herkunft und Wanderungen im Zahnschmelz.

In der neuen Studie ließ sich die Modellzuordnung bei 16 der 51 ausgestorbenen Arten mit gesonderten fossilen Befunden vergleichen. Bei zehn stützten die Spuren die angenommene Wanderfähigkeit. Bei sechs sagte das Modell eine Wanderfähigkeit voraus, ohne dass die untersuchten Fossilien sie bestätigten. Das kann eine falsche Zuordnung sein. Es kann aber auch bedeuten, dass ausgerechnet die untersuchte Population an diesem Ort nicht wanderte oder dass die Stichprobe zu wenig erfasst.

Eine Isotopenstudie aus Kenia macht diese Grenze greifbar: Unter 79 fossilen Individuen aus 18 Arten fanden die Forschenden eindeutige Hinweise nur bei zwei ausgestorbenen Formen. Für mehrere Arten, die heute in Ostafrika weite Wanderungen unternehmen, fehlte in den untersuchten alten Populationen ein solcher Nachweis. Wanderfähigkeit und tatsächlich genutzte Route sind zwei verschiedene Dinge.

Was passiert, wenn die Fossilien fehlen?

In einer zweiten Rechnung schätzte das Team, wie oft in wandernden und nicht wandernden Abstammungslinien neue Arten entstanden oder verschwanden. Das Modell verknüpft die Verzweigungen des Stammbaums mit den Merkmalen der Arten. Es lässt dabei auch Unterschiede zu, die nicht durch Wanderfähigkeit erklärt werden. Mit den ausgestorbenen Arten im Modell ergaben sich für wandernde Linien sowohl höhere Artbildungsraten als auch höhere Aussterberaten. Auf lange Sicht wechselten ihre Arten also stärker.

Mit ausschließlich lebenden Arten kehrte sich die Richtung der geschätzten Aussterberate meist um. Wandernde Linien erschienen dann eher weniger aussterbeanfällig. Die höhere geschätzte Artbildungsrate blieb dagegen in beiden Auswertungen erhalten. Dieser Vergleich ist wichtig: Aus den heute noch vorhandenen Zweigen lassen sich die bereits verschwundenen Zweige nur indirekt erschließen. Fossilien ergänzen das Bild, bringen aber ihrerseits lückenhafte Daten und modellierte Verhaltenszuordnungen mit.

Das Ergebnis ist deshalb ein Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang über lange Zeiträume. Es zeigt nicht, welcher Engpass eine bestimmte ausgestorbene Art zu Fall brachte. Klima, Körpergröße, Nahrung und menschliche Einflüsse können gemeinsam eine Rolle gespielt haben. Und eine erfolgreich umgebaute Zaunstelle in Montana ist kein Modell für jede frühere Wanderung. Sie macht aber deutlich, worauf es heute ankommt: Eine Herde braucht nicht nur geeignete Lebensräume im Sommer und Winter. Sie muss auch zwischen ihnen hindurchkommen.

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