
Auf dem Klassenfoto stehen alle nebeneinander. In der Pause sitzen sie womöglich in Kreisen, zwischen denen kaum jemand wechselt. Eine gemischte Klasse bietet Begegnungen, doch daraus entstehen nicht automatisch gemischte Freundschaften. Eine neue Analyse zeigt einen überraschend konkreten Grund: Es macht einen Unterschied, ob mehrere soziale Merkmale in der Klasse entlang derselben Grenze verlaufen. Wer verstehen will, was Schulen daran ändern könnten, muss drei Dinge auseinanderhalten: die beobachteten Freundschaften, eine rechnerische Alternative bei der Klassenzuteilung und das, was im Schulalltag noch nicht erprobt wurde.
Die kurze Antwort
Räumliche Mischung eröffnet Begegnungen, garantiert aber keine gemischten Freundschaften. Wenn soziale Merkmale in einer Klasse entlang derselben Grenze zusammenfallen, sind Freundschaften häufiger innerhalb der Gruppen konzentriert. Eine andere Klassenzuteilung zeigte bislang nur im Modell ein begrenztes Potenzial.
- Die Studie beobachtete Freundschaftsmuster in 524 Klassen aus drei Ländern.
- Vier bis sieben Prozentpunkte weniger gruppeninterne Freundschaften sind eine Vorhersage aus Simulationen, keine gemessene Reformwirkung.
- Auch bestehende Freundschaften über Sozialgrenzen hinweg garantieren nicht gleiche Bildungsaspirationen.
Entscheidend ist nicht nur, wer zusammen im Raum sitzt, sondern welche Beziehungen tatsächlich entstehen.
Kernpunkte
Die Gelegenheit: Jugendliche können nur mit Mitschülerinnen und Mitschülern Freundschaften schließen, denen sie tatsächlich begegnen. Eine gemischte Schule ist dafür ein Anfang, aber die Verteilung auf einzelne Klassen zählt ebenfalls.
Die beobachtete Grenze: In einer Analyse von 524 Klassen aus Deutschland, den Niederlanden und Schweden waren Freundschaften stärker nach einem Merkmal getrennt, wenn dieses Merkmal innerhalb der Klasse besonders eng mit Geschlecht zusammenfiel.
Die offene Wirkung: Anders zusammengesetzte Klassen senkten in Simulationen den vorhergesagten Anteil gruppeninterner Freundschaften um vier bis sieben Prozentpunkte. Das ist keine gemessene Wirkung einer Schulreform.
Was heißt „zusammen“ in einer Schulklasse überhaupt?
Stellen wir uns eine Klasse vor, in der Jugendliche aus unterschiedlichen Wohnlagen, Familien und Herkunftsgeschichten sitzen. Auf dem Papier ist sie vielfältig. Aber eine Klassenzahl verrät noch nicht, wer einander beim Lernen hilft, nach der Schule schreibt oder in der Pause einen Platz frei hält. Genau diese Beziehungen waren Gegenstand einer Ende 2025 veröffentlichten Studie in *PLOS One*. Die Forschenden nutzten Freundschaftsangaben und Merkmale von Jugendlichen in 524 Klassen aus drei europäischen Ländern.
Ihr Schlüsselbegriff ist Merkmalsüberlagerung. Er klingt sperrig, meint aber eine einfache Anordnung: Wenn etwa ein Teil der Klasse zugleich überwiegend einer bestimmten Herkunftsgruppe und einem Geschlecht angehört, verlaufen zwei mögliche Gruppengrenzen beinahe auf derselben Linie. Wenn diese Merkmale sich dagegen kreuzen, ist die soziale Trennlinie weniger eindeutig. Geschlecht erklärt die Kontakte nicht allein. Die Frage ist, welche Grenzen im konkreten Klassenraum gemeinsam sichtbar und wirksam werden.
Das ist keine Aussage über den Charakter der Jugendlichen. Freundschaften hängen von vielen Dingen ab: gemeinsamen Interessen, früheren Kontakten, Sprachpraxis, Konflikten und schlicht der Zeit, die man miteinander verbringt. Die Studie prüft einen strukturellen Teil dieses Geflechts. Wer aus dem Befund ableitet, einzelne Schülerinnen oder Schüler wollten „unter sich“ bleiben, verwechselt die Zusammensetzung einer Gruppe mit den Motiven ihrer Mitglieder.
Wie eine unsichtbare Gruppengrenze entsteht
Begegnung
Die Verteilung auf Schulen und Klassen bestimmt zunächst, welche Jugendlichen überhaupt regelmäßig aufeinandertreffen.
Überlagerung
Wenn etwa Geschlecht und ein weiteres Gruppenmerkmal in einer Klasse fast dieselbe Grenze ziehen, kann eine Trennung mehrere Bedeutungen zugleich bekommen.
Freundschaft
Die Forschenden vergleichen, ob nominierte Freundschaften stärker innerhalb der so entstandenen Gruppen liegen; Motive einzelner Jugendlicher lassen sich daraus nicht ablesen.
Was haben die Forschenden wirklich beobachtet?
In den 524 Klassen verglichen Böller und Kruse, wie häufig Freundschaften innerhalb einer betrachteten Gruppe lagen und wie stark deren Zugehörigkeit mit anderen Merkmalen zusammenfiel. Sie prüften viele Kombinationen, darunter sozioökonomische Lage, Bildungshintergrund, Herkunftsland, Religion, zu Hause gesprochene Sprache, Wohnort und Geschlecht. Besonders deutlich war der Zusammenhang, wenn eine Gruppengrenze mit Geschlecht überlagert war. Er zeigte sich nicht in jeder Klasse gleich stark; die Studie beschreibt eine Verteilung von Bedingungen, keine Schicksalsregel für jede Schulbank.
Ein Beispiel hilft, darf aber nicht als tatsächlich untersuchte Musterklasse gelesen werden: Wenn die wenigen Jugendlichen mit einem bestimmten Sprachhintergrund fast alle Jungen sind, kann eine Freundschaftsgrenze nach Geschlecht zugleich wie eine Grenze nach Sprache aussehen. Sind Jungen und Mädchen mit diesem Sprachhintergrund über die Klasse verteilt, fällt beides weniger eng zusammen. Genau dieser Unterschied geht verloren, wenn man nur zählt, wie viele Kinder aus welchen Gruppen insgesamt an einer Schule sind.
Die Daten beruhen auf dem internationalen CILS4EU-Projekt. Die erste Erhebung fand im Schuljahr 2010/11 mit etwa 14-Jährigen statt; weitere Wellen folgten. Die Veröffentlichung ist neu, die zugrunde liegenden Klassenbeobachtungen sind älter. Das ist für die Einordnung wichtig: Die Studie liefert einen analytischen Mechanismus aus diesen Daten, keine aktuelle Bestandsaufnahme sämtlicher Schulen im Jahr 2026.
Woher kommen die vier bis sieben Prozentpunkte?
Der zweite Teil der Arbeit verlässt die bloße Beschreibung. Die Forschenden simulierten, wie Freundschaftssegregation unter anderen Klassenzuteilungen aussehen könnte. Ihr Modell versucht, die Überlagerung von Geschlecht mit weiteren Merkmalen zu verringern. Für 188 Schulen aus den drei Ländern verglichen sie die beobachtete Verteilung mit vielen modellierten Varianten. Der höchste vorhergesagte Anteil gruppeninterner Freundschaften sank je nach betrachteter Gruppe im Mittel um ungefähr vier bis sieben Prozentpunkte.
Das bedeutet beispielsweise: Eine modellierte Änderung von 70 auf 65 Prozent wäre eine Verringerung um fünf Prozentpunkte, nicht um fünf Prozent der ursprünglichen Zahl. Die Werte beziehen sich auf die vorhergesagte Freundschaftsstruktur in den untersuchten Konstellationen. Sie belegen nicht, dass eine Schule morgen durch eine neue Klassenliste denselben Effekt erreicht.
Beobachtung ist noch keine Schulwirkung
Beobachtete Klassen
In 524 Klassen aus Deutschland, den Niederlanden und Schweden hing Merkmalsüberlagerung mit gruppeninternen Freundschaften zusammen.
- Aussagekraft
- Reale Freundschaftsangaben und zahlreiche geprüfte Merkmalskombinationen.
- Grenze
- Ein Zusammenhang ist nicht für alle Kombinationen eindeutig kausal; die Daten stammen aus älteren Erhebungsjahren.
Simulierte Zuteilung
In 188 Schulen lag der vorhergesagte gruppeninterne Freundschaftsanteil je nach Merkmal im Mittel vier bis sieben Prozentpunkte niedriger.
- Aussagekraft
- Viele kontrafaktische Zuteilungen wurden mit realistischen Klassenkapazitäten verglichen.
- Grenze
- Kein Feldversuch; pädagogische Ziele und bestehende Bindungen sind nicht vollständig modelliert.
Bildungswünsche
Eine zweite Studie fand in ausgewählten Stichproben stärkeren Einfluss sozial ähnlicher Freundinnen und Freunde auf Bildungsaspirationen.
- Aussagekraft
- Längsschnittliche Netzwerkanalyse aus Deutschland und Schweden.
- Grenze
- Anderer Endpunkt und nicht auf jede deutsche Schulform übertragbar.
Warum nicht? Die Simulation kann nicht alle Ziele einer wirklichen Zuteilung gleichzeitig abbilden: Unterstützungsbedarf, bestehende Bindungen, Fächer, Kapazitäten, Wünsche von Jugendlichen und Eltern. Die Autoren benennen diese Grenze selbst. Zudem ist der beobachtete Zusammenhang zwischen Merkmalsüberlagerung und Freundschaften nicht für jede Merkmalskombination eindeutig kausal identifiziert. Auch Wohnumfeld oder frühere Beziehungen können hineinspielen. Eine brauchbare Hypothese für Schulplanung ist etwas anderes als eine fertige Handlungsanweisung.
Reicht eine Freundschaft über soziale Grenzen für gleiche Chancen?
Noch eine zweite Trennung ist nötig: Wer mit wem befreundet ist, sagt nicht automatisch, wessen Erwartungen wirksam werden. Eine unabhängige Längsschnittanalyse von Freundschaftsnetzwerken in Deutschland und Schweden untersuchte Bildungswünsche. In der schwedischen Stichprobe und in deutschen Gesamtschulen fand sie Hinweise, dass Jugendliche sich bei ihren Bildungsaspirationen stärker an Freunden mit ähnlicher sozialer Lage orientierten als an Freunden aus anderer Lage. Für die gesamte deutsche Stichprobe ergab sich dieser Befund nicht in gleicher Form. Die Autoren weisen selbst auf Unterschiede zwischen ihren Analyseverfahren und Einschränkungen der Stichprobe hin.
Das ist kein Gegenbeweis zur Klassenstudie. Es ist eine Warnung vor einem zu schnellen Versprechen: Selbst wenn mehr Freundschaften über soziale Grenzen entstehen, lösen sie Ungleichheit nicht automatisch auf. Kontakte können Chancen eröffnen; welche Informationen, Ermutigungen und Erwartungen tatsächlich weitergegeben werden, ist eine weitere Frage. Eine große US-Netzwerkstudie in *Nature* unterscheidet deshalb Verbindungen zwischen sozialen Gruppen von anderen Formen sozialen Kapitals. Ihr Zusammenhang mit Aufstieg ist eindrucksvoll, aber die US-Daten erklären keine einzelne deutsche Schulklasse.
Auch der vorhandene Wissenschaftswelle-Beitrag „Warum Freundschaft politisch ist“ beschreibt die größere Bedeutung von Nähe und Chancen. Hier geht es enger um die Frage, wie ein konkreter Klassenraum diese Nähe begünstigen oder erschweren kann. Der Beitrag „Mythos Leistungsgesellschaft“ zeigt wiederum, warum Herkunft und Netzwerke für Aufstieg zählen. Freundschaftslisten allein sind aber noch kein Maß für spätere Karrieren.
Was könnten Schulen daraus vernünftig lernen?
Die vorsichtige Folgerung ist erstaunlich praktisch: Bei der Zusammensetzung von Klassen lohnt es sich, nicht nur die Zahl der Jugendlichen aus verschiedenen Gruppen zu betrachten, sondern auch zu prüfen, ob mehrere Merkmale dieselbe Trennlinie bilden. Das ist eine zusätzliche Frage für Verantwortliche, keine Aufforderung, Kinder nach Herkunft oder Geschlecht zu etikettieren. Solche sensiblen Entscheidungen verlangen Datenschutz, pädagogisches Urteil und den Blick auf bestehende Beziehungen.
Schulen können außerdem jenseits der Klassenliste Begegnungen ermöglichen, in denen Jugendliche tatsächlich gemeinsam etwas tun. Ob eine bestimmte Maßnahme Freundschaften verbessert, müsste jedoch eigens geprüft werden. Der PISA-Bericht der OECD zur Zugehörigkeit zeigt, dass benachteiligte Jugendliche in vielen Bildungssystemen geringere Chancen auf enge Bindungen an der Schule berichten. Das ist ein Anlass, soziale Erfahrung ernst zu nehmen, aber kein Beleg für eine einzelne Zuteilungsmethode. Ein weiterer OECD-Abschnitt über die Verteilung von Schülerinnen und Schülern macht deutlich, dass Wohnsegregation, Schulwahl und institutionelle Regeln schon vor dem Klassenraum bestimmen, wer überhaupt zusammenkommen kann.
Die stärkste Gegenfrage lautet: Soll eine Schule für eine statistisch günstigere Durchmischung bestehende Freundschaften oder pädagogische Bedürfnisse übergehen? Nein. Die Forschung liefert kein Mandat für mechanisches Umsortieren. Sie zeigt, dass gut gemeinte Vielfalt auf Schulebene innerhalb einer Klasse in unerwartete Muster kippen kann. Ob eine neue Zuteilung unter realen Bedingungen mehr Zugehörigkeit schafft, bleibt eine offene empirische und pädagogische Frage.
Was Schulen wissen können – und was offen bleibt
Was wir wissen
- Die bloße Vielfalt einer Schule beschreibt noch nicht die tatsächlichen Freundschaften innerhalb einzelner Klassen.
- Eine bestimmte Überlagerung von Gruppenmerkmalen war in den untersuchten Klassen mit stärkerer Freundschaftssegregation verbunden.
Was offen ist
- Ob eine konkret veränderte Klassenzuteilung in heutigen Schulen die modellierten vier bis sieben Prozentpunkte erreicht.
- Welche Auswirkungen eine solche Änderung auf bestehende Bindungen, Wohlbefinden und Lernen unter Alltagsbedingungen hätte.
Was bleibt vom Klassenfoto?
Auf dem Foto sieht man, wer im selben Raum war. Die Freundschaftsdaten zeigen, wer sich verband. Zwischen diesen beiden Bildern liegt der eigentliche Befund. Gemischte Klassen eröffnen Kontakte; die Anordnung sozialer Merkmale kann mitentscheiden, ob daraus Brücken werden. Die simulierten vier bis sieben Prozentpunkte zeigen ein mögliches Veränderungspotenzial, keine garantierte Schulwirkung. Wer Vielfalt ernst meint, sollte deshalb nach Beziehungen und Zugehörigkeit fragen – und offen lassen, was erst ein echter Praxistest beantworten kann.




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