Pflanzenporträt
Madagaskar-Gitterpflanze
Aponogeton madagascariensis
Die Blätter der Madagaskar-Gitterpflanze besitzen echte offene Fenster zwischen ihren Adern. Diese Lücken entstehen im jungen Blatt durch einen räumlich begrenzten Abbau von Zellen. Zeitaufnahmen zeigen eine geordnete Folge vom Verlust der Farbstoffe bis zum Verschwinden der Zellwände; warum genau bestimmte Grenzzellen verschont bleiben, ist damit noch nicht erklärt.
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Akzeptierter Artname und sechs Ränge nach Kew; die weit gefasste Klasse Equisetopsida folgt dem bestehenden Lexikonrahmen. Weitere Zwischenränge sind ausgelassen.
Auf einen Blick
- Größe
- Blattspreiten bis 55 × 16 cm, Blattstiele 3–35 cm und Blütenstandsstiele bis 1,3 m in der botanischen Revision.H.W.E. van Bruggen · Blumea / Naturalis Biodiversity Center
- Wuchsform
- Knollenbildende ausdauernde Wasserpflanze mit untergetauchten, oft gitterartig durchbrochenen Blättern; nicht jedes Blatt ist gleich stark perforiert.H.W.E. van Bruggen · Blumea / Naturalis Biodiversity Center Royal Botanic Gardens, Kew · Plants of the World Online
- Lebensraum
- Stehende und fließende Gewässer, auch Stromschnellen und Sümpfe, häufig in Waldgebieten.H.W.E. van Bruggen · Blumea / Naturalis Biodiversity Center
- Verbreitung
- Madagaskar und Komoren nach Kew; auf Mauritius eingeführt.Royal Botanic Gardens, Kew · Plants of the World Online H.W.E. van Bruggen · Blumea / Naturalis Biodiversity Center
- Fortpflanzung
- Blütenstände mit zwei bis vier, selten sechs Ähren; kleine Blüten entwickeln Früchte und Samen.H.W.E. van Bruggen · Blumea / Naturalis Biodiversity Center
- Besonderheit
- Die offenen Blattfenster entstehen durch örtlich begrenzten, zeitlich geordneten Abbau von Zellen und schließlich ihrer Wände.Wertman, Lord, Dauphinee & Gunawardena · BMC Plant Biology
Ein Gitter, das aus einem geschlossenen Blatt entsteht
Bei Aponogeton madagascariensis, der Madagaskar-Gitterpflanze, kann Wasser durch die Blattfläche hindurchtreten. Zwischen den grünen Längsadern und ihren Querverbindungen liegen offene Gewebefenster. Sie sind kein bloß durchsichtiges Stück lebender Blattfläche. Auch muss kein Tier das Blatt regelmäßig bis auf sein Adernetz abfressen. Die Lücken entstehen während der Blattentwicklung selbst.
Dafür wird ein Teil der zunächst vorhandenen Zellen abgebaut, während andere Zellen erhalten bleiben. Das ist ein Beispiel für entwicklungsbezogenen programmierten Zelltod: Der geordnete Verlust einzelner Bereiche trägt zur Gestalt eines weiterlebenden Organs bei. Das fertige Gitter verrät allerdings noch nicht, in welcher Reihenfolge die Zellen ihre Bestandteile verlieren. Ein leeres Feld könnte das Ergebnis sehr verschiedener Abläufe sein.
Eine Studie von 2012 näherte sich dieser Frage mit jungen Blättern aus steriler Kultur. Sie kombinierte Langzeitbeobachtungen lebender Zellen mit Färbungen und Elektronenmikroskopie. So ließ sich die spätere Öffnung in eine Folge unterscheidbarer Vorgänge auflösen.
Wertman, Lord, Dauphinee & Gunawardena · BMC Plant BiologyAm selben Blatt liegen verschiedene Stadien nebeneinander
Eine kleine, von Adern umgrenzte Blattfläche bot einen besonderen Vorteil. In der Nähe der Adern blieben Zellen bestehen. Weiter zur Mitte hin fanden sich Zellen in frühen und späten Abbaustadien. An einem solchen Feld konnten die Forschenden deshalb räumlich benachbarte Entwicklungszustände vergleichen. Sie wählten für viele Untersuchungen gezielt Felder aus, deren Mitte bereits Pigmentverlust zeigte und später tatsächlich eine Öffnung bilden würde. Das war eine Untersuchung des Ablaufs in solchen Feldern, keine zufällige Zählung aller Blattbereiche.
Zunächst verschwand in den betroffenen Zellen die sichtbare Anthocyanfärbung. Das Blattgrün wurde dadurch deutlicher, bevor auch Chlorophyll abnahm und Chloroplasten weniger beziehungsweise kleiner wurden. Gleichzeitig änderte sich die Anordnung des Actin-Gerüsts, eines Netzes feiner Proteinfilamente innerhalb der Zelle. Aus anfangs dünneren Verbänden wurden zunächst kräftigere Bündel; später ging ein Teil des erkennbaren Netzes verloren.
Farblosigkeit war dabei nicht gleichbedeutend mit einem bereits vollständig leeren Loch. Unter dem Mikroskop waren noch Organellen und Membranen vorhanden. Ein Teil der Zellbestandteile sammelte sich in größeren Ansammlungen, die schließlich auch in der Vakuole, dem großen membranumgrenzten Innenraum der Pflanzenzelle, zu finden waren. Sichtbare Blattfarbe und tatsächlicher innerer Zustand entwickelten sich also zeitversetzt.
Wertman, Lord, Dauphinee & Gunawardena · BMC Plant BiologyErst der innere Zusammenbruch, dann die offene Lücke
Die Vakuolenmembran und die äußere Zellmembran lieferten weitere zeitliche Orientierung. Nach dem Reißen der Vakuolenmembran hörte die zuvor beobachtete Bewegung von Organellenansammlungen auf. Anschließend kollabierte auch die Zellmembran. In den beobachteten Verläufen lagen zwischen diesen beiden Ereignissen ungefähr zwanzig Minuten. Die wesentlich frühere Abnahme der sichtbaren Chlorophyllfärbung hatte sich dagegen über einen viel längeren Zeitraum bis zum Membrankollaps hingezogen.
Selbst nach dem Kollaps blieb zunächst noch etwas übrig: die feste Zellwand. Für ein echtes Fenster genügt es deshalb nicht, dass eine Zelle ihre inneren Funktionen verliert. Auch ihre Wand muss weitgehend verschwinden. Die Zeitaufnahmen zeigten diesen späteren Abbau innerhalb des folgenden Tages. Eine abgestorbene Zelle und eine offene Gewebelücke sind zwei aufeinander bezogene, aber verschiedene Zustände.
Die zeitliche Rekonstruktion beruhte auf mehreren Verfahren. Lebende Zellen ließen sich über Stunden verfolgen; andere Merkmale wurden an separat gefärbten oder fixierten Präparaten sichtbar. Es wäre zu viel, daraus einen einzigen Film abzuleiten, in dem alle molekularen Signale gleichzeitig gemessen wurden. Die Stärke liegt im Zusammenpassen der Beobachtungen: Pigmente und Zellgerüst verändern sich, Organellen werden umgeordnet, Membranen verlieren ihre Integrität und schließlich wird die Wand abgebaut.
Wertman, Lord, Dauphinee & Gunawardena · BMC Plant BiologyDie Reihenfolge erklärt noch nicht den Startbefehl
Unter den beobachteten Strukturen waren auch membranumhüllte Körper, die zu autophagieähnlichen Vorgängen passen. Bei der Autophagie werden Zellbestandteile in membranumgrenzte Abbauwege aufgenommen. Solche Strukturen zu sehen bedeutet jedoch noch nicht, dass Autophagie den Zelltod verursacht. Sie könnte an der Umordnung und Entsorgung beteiligt sein, während andere Signale den Ablauf steuern.
Ähnlich vorsichtig ist der frühe Pigmentverlust zu deuten. Dass die rote Färbung verschwindet, zeigt nicht unmittelbar, ob der Farbstoff abgebaut wurde oder veränderte Bedingungen in der Vakuole seine sichtbare Farbe beeinflussten. Der beobachtete Marker ist vom zugrunde liegenden Auslöser zu unterscheiden.
Offen bleibt damit auch die räumliche Auswahl: Warum durchlaufen die mittleren Zellen den Abbau, während ein schmaler lebender Bereich entlang der Adern erhalten bleibt? Die Studie beschreibt die Demontage genauer, als sie den vollständigen Start- und Grenzmechanismus erklärt. Gerade dadurch wird die Gitterpflanze als Entwicklungsmodell anschaulich. Eine Pflanzenform entsteht hier nicht nur durch das Hinzufügen und Wachsen von Gewebe. Zu ihrer Architektur gehört ebenso dessen präzise begrenztes Verschwinden.
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EntdeckenQuellen und Bildnachweis
Stand: 2026-10-31
- Aponogeton madagascariensis · akzeptierter Artname und botanische Einordnung · Royal Botanic Gardens, Kew · Plants of the World Online · abgerufen 2026-10-31
- The pathway of cell dismantling during programmed cell death in lace plant (Aponogeton madagascariensis) leaves (2012) · Wertman, Lord, Dauphinee & Gunawardena · BMC Plant Biology · abgerufen 2026-10-31
- Revision of the genus Aponogeton (Aponogetonaceae). I. The species of Madagascar (1968) · H.W.E. van Bruggen · Blumea / Naturalis Biodiversity Center · abgerufen 2026-10-31
Bild: KI-generierte, fotorealistische Darstellung für Wissenschaftswelle; keine dokumentarische Aufnahme.