Mehr Miteinander, weniger Gerechtigkeit: Wie passt das zusammen?

Deutschlands Zusammenhalt steigt, doch das Gerechtigkeitsempfinden fällt. Der Religionsmonitor 2026 zeigt, warum beides zugleich möglich ist.

Zur Entstehung: Dieser Beitrag entstand in einem von Benjamin Metzig geplanten und redaktionell geführten Arbeitsprozess. Er bestimmte Thema, Struktur und Maßstäbe, prüfte und überarbeitete Inhalt, Quellen und Darstellung und entschied über die Veröffentlichung. Generative KI diente dabei als Werkzeug; sie wurde auch für das Artikelbild eingesetzt. So arbeitet die Redaktion.
Antwort finden. Zusammenhänge verstehen.
Zwei ineinandergreifende Hände bilden eine Brücke über einer schiefen Waage; Covertext: Nähe trotz Unfairness? Das Gerechtigkeitsempfinden sinkt.

Der Zusammenhalt in Deutschland ist gestiegen. Wer dabei an mehr Vertrauen in die Politik denkt, liegt trotzdem falsch. Der neue Religionsmonitor meldet für 2026 bessere soziale Beziehungen und mehr Gemeinwohlorientierung. Gleichzeitig erreicht das Gerechtigkeitsempfinden den niedrigsten Wert der untersuchten Jahre. Das ist kein Rechenfehler und keine Entwarnung. Es zeigt, dass Nachbarn füreinander da sein können, während sie die Verteilung wirtschaftlicher Gewinne als unfair erleben. Was wurde genau gemessen – und wie viel sagt dieser Widerspruch über unser Zusammenleben?

Die kurze Antwort

Der Gesamtwert steigt, weil soziale Beziehungen und Gemeinwohlorientierung zulegen. Das Gerechtigkeitsempfinden ist ein eigener Teilindikator und fällt zugleich auf den niedrigsten Wert der rückgerechneten Reihe.

  • Gesamtindex 2026: 51 statt 46 Punkte im Jahr 2023.
  • Soziale Beziehungen: 57 Punkte; Verbundenheit mit dem Gemeinwesen: 44 Punkte.
  • Gerechtigkeitsempfinden: 25 Punkte. Das ist ein Indexwert, kein Bevölkerungsanteil.

Mehr Nähe im Alltag bedeutet nicht automatisch mehr Vertrauen in die politische Ordnung.

Kernpunkte

  • Der Religionsmonitor 2026 weist 51 von 100 Indexpunkten für gesellschaftlichen Zusammenhalt aus. 2023 waren es 46. Die Werte der älteren Jahre wurden für denselben Kurzindex neu berechnet.
  • Soziale Beziehungen steigen von 49 auf 57 Punkte. Die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen verharrt bei 44. Das Gerechtigkeitsempfinden sinkt von 27 auf 25 Punkte.
  • Die 25 Punkte beschreiben Antworten auf eine Frage zur Verteilung wirtschaftlicher Gewinne. Sie bedeuten weder, dass nur 25 Prozent der Menschen Gerechtigkeit erfahren, noch messen sie jede Form von Gerechtigkeit.
  • Eine Befragung zeigt Muster und Unterschiede, aber nicht, warum sie entstanden sind oder welche politische Maßnahme sie behebt.

Warum ein Plus im Gesamtindex keine Entwarnung ist

„Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ klingt nach einer einzigen Stimmung. Die Forschenden zerlegen ihn jedoch in neun Fragen aus drei Bereichen: soziale Beziehungen, Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und Gemeinwohlorientierung. Jeder Bereich umfasst wiederum drei Indikatoren. Wer nur den Gesamtwert liest, verliert ausgerechnet die Unterschiede, um die es hier geht.

Der Index stand 2017 bei 54, 2020 bei 55 und 2023 bei 46 Punkten. Im März 2026 wurden 5.231 auswertbare Antworten erhoben; der neue Gesamtwert lautet 51. Das ist eine teilweise Erholung vom Einbruch 2023, noch keine Rückkehr zum früheren Stand. Die Marke von 50 ist lediglich die rechnerische Mitte einer Skala von 0 bis 100. Sie ist keine wissenschaftlich definierte Grenze zwischen einer „gesunden“ und einer „kranken“ Gesellschaft.

Wichtig ist auch der Umbau der Messung. Der Religionsmonitor verwendet einen kurzen Index mit neun Fragen. Die Daten von 2017, 2020 und 2023 wurden nach derselben Methode und für dieselbe Altersgrenze rückgerechnet. Nur diese so vereinheitlichte Reihe erlaubt den hier verwendeten Vergleich. Ältere, ursprünglich veröffentlichte Werte des umfangreicheren „Radar“-Index darf man nicht danebenstellen, als sei es dasselbe Thermometer.

Wo das Miteinander tatsächlich besser aussieht

Der Bereich soziale Beziehungen erholt sich von 49 Punkten im Jahr 2023 auf 57 im Jahr 2026. In ihm stecken drei verschiedene Fragen: Wie oft treffen Menschen Freunde, Bekannte oder privat Kolleginnen und Kollegen? Wie sehr vertrauen sie anderen Menschen? Und erleben sie gesellschaftliche Vielfalt eher als Bereicherung oder Bedrohung? Alle drei Werte liegen 2026 höher als 2023. Der Bereich bleibt aber unter dem Stand von 2020 mit 61 Punkten.

Auch die Gemeinwohlorientierung steigt. Sie erreicht 53 Punkte, nach einem niedrigeren Wert 2023. Dazu zählen unter anderem ehrenamtliches Engagement und politisches Interesse. Letzteres erreicht im Kurzindex 65 Punkte und damit den höchsten Wert der vier Messjahre. Sich für Politik zu interessieren ist allerdings nicht dasselbe, der Bundesregierung zu vertrauen. Gerade deshalb ist diese Kombination aufschlussreich: Kritik am Staat muss kein Rückzug aus dem öffentlichen Leben sein.

Eine andere Zusammenhaltsstudie von ARD, ZDF und Deutschlandradio zeigte 2025 eine verwandte Spannung: Rund drei Viertel sorgten sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, während zwei Drittel in ihrem persönlichen Umfeld starke Zugehörigkeit erlebten. Die Fragen, Erhebungsjahre und Skalen unterscheiden sich vom Religionsmonitor. Die Studie ist daher keine Bestätigung einzelner Indexpunkte. Sie macht verständlich, warum das Urteil über „die Gesellschaft“ und die Erfahrung im eigenen Kreis zugleich verschieden ausfallen können.

Was die 25 Punkte zur Gerechtigkeit bedeuten

Die schwächste Zahl verdient die genaueste Sprache. Im Religionsmonitor sollten Befragte einschätzen, ob die wirtschaftlichen Gewinne in Deutschland im Großen und Ganzen gerecht verteilt werden. Die Antworten wurden in einen Indexwert umgerechnet. Dieser Wert sank von 27 Punkten 2023 auf 25 im Jahr 2026; 2020 lag er bei 33. Er beschreibt ein geringes wahrgenommenes Verteilungsgerechtigkeitsempfinden in dieser konkreten Frage. Er misst weder sämtliche Ungleichheiten direkt noch den Anteil derjenigen, die sich persönlich ungerecht behandelt fühlen.

Die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen als ganzer Bereich bleibt bei 44 Punkten. Darin stehen neben dem Gerechtigkeitsempfinden die Identifikation mit dem Wohnort und das Vertrauen in die Bundesregierung. Letzteres bleibt bei 37 Indexpunkten, genau wie 2023. Der starke Anstieg im sozialen Nahraum zieht den Gesamtwert also nach oben, während diese institutionelle Seite wenig Bewegung zeigt.

Diese Trennung verhindert einen bequemen Kurzschluss: Mehr Hilfsbereitschaft könnte ein Problem fairer Verteilung nicht einfach ersetzen. Umgekehrt löscht politische Skepsis nicht die tatsächlichen Kontakte und das Engagement vieler Menschen aus. Wer Gesellschaft pauschal als „zerfallen“ oder „geheilt“ beschreibt, macht die entscheidende Differenz unsichtbar.

Die Zahl, die im Gesamtwert untergeht

25Indexpunkte

So niedrig fällt 2026 die Zustimmung zur fairen Verteilung wirtschaftlicher Gewinne aus; 2023 waren es 27 Indexpunkte.

Der Wert ist kein Anteil der Bevölkerung und kein objektives Maß sämtlicher Ungleichheit.

Was unabhängige Erhebungen ergänzen – und nicht beweisen

Die OECD-Erhebung zu Vertrauen in öffentlichen Institutionen befragte Menschen in Deutschland im Herbst 2025. 35 Prozent gaben hohes oder eher hohes Vertrauen in die Bundesregierung an, nach 36 Prozent im Jahr 2023. Zugleich vertrauten 64 Prozent der Polizei und 58 Prozent den Gerichten. Das stützt die grundlegende Unterscheidung: „Staat“ ist für Befragte kein einheitliches Vertrauensobjekt.

Die OECD-Zahl von 35 Prozent und die 37 Indexpunkte des Religionsmonitors dürfen trotzdem nicht miteinander verrechnet werden. Die OECD zählt Antworten ab einer bestimmten Schwelle auf einer Zehnerskala; der Religionsmonitor bildet Antworten auf einer anderen Skala zu einem Index um. Auch die Feldzeiten unterscheiden sich. Beide Befunde zeigen schwaches Vertrauen in die Bundesregierung, aber keinen gemeinsamen Messwert.

Der erste Zusammenhaltsbericht des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt untersuchte soziale Bekanntenkreise mit einer anderen Datenbasis. Er fand, dass Menschen mit ökonomisch schlechter gestellten Bekanntenkreisen tendenziell weniger politisches Vertrauen berichten. Das erklärt nicht den Anstieg von 2023 bis 2026 im Religionsmonitor. Es zeigt aber, warum ein nationaler Durchschnitt Unterschiede zwischen Lebenswelten verdecken kann.

Was die drei Befragungen jeweils leisten

  • Religionsmonitor 2026

    Einheitlicher Kurzindex über neun Indikatoren für 2017 bis 2026.

    Aussagekraft
    Rückrechnung macht die vier Wellen intern vergleichbar.
    Grenze
    Wahrnehmungen und Selbstauskünfte erklären keine Ursache.
  • OECD Trust Survey 2025

    35 Prozent berichten hohes oder eher hohes Vertrauen in die Bundesregierung.

    Aussagekraft
    Unabhängige, international angelegte Befragung zu Institutionen.
    Grenze
    Andere Frage und Skala; 35 Prozent sind nicht mit 37 Indexpunkten gleichzusetzen.
  • Medien-Zusammenhaltsstudie 2025

    Sorge um den Zusammenhalt geht mit Nähe im persönlichen Umfeld einher.

    Aussagekraft
    Unabhängiger Hinweis auf zwei gleichzeitige Wahrnehmungsebenen.
    Grenze
    Andere Erhebung und anderes Jahr; keine gemeinsame Zeitreihe.

Ein Einwand gegen die schöne Erholungsgeschichte

Der stärkste Einwand gegen eine allzu positive Lesart lautet: Ein Indexwert aus Kontakten, Einstellungen und Selbstauskünften kann reale Ungleichheit oder die Qualität von Beziehungen nur begrenzt erfassen. Häufigere Treffen sagen für sich noch nichts darüber, ob Menschen über soziale Grenzen hinweg miteinander sprechen. Mehr politisches Interesse kann aus Hoffnung entstehen – oder aus Ärger. Die Daten messen diese Motive nicht direkt.

Auch das Gegenextrem trägt nicht. Die 25 Punkte beim Gerechtigkeitsempfinden sind ein ernster Befund, aber kein Nachweis, dass alle anderen Formen des Zusammenhalts bedeutungslos wären. Die neun Fragen stehen nebeneinander, weil eine Gesellschaft zugleich kooperativ und konflikthaft sein kann. Der zweite FGZ-Zusammenhaltsbericht kommt bei der Klimapolitik ebenfalls zu einer differenzierten Lesart: keine pauschale gesellschaftliche Spaltung, wohl aber unterschiedliche Sorgen und Erwartungen. Die Studie behandelt ein anderes Thema und liefert keinen zusätzlichen 2026er Messpunkt. Sie schützt vor der Verwechslung von sichtbarem Streit und vollständigem Bruch.

Eine redaktionelle Folgerung ist trotzdem möglich: Wer den Zusammenhalt stärken will, sollte Begegnungsorte erhalten und staatliche Entscheidungen fair, nachvollziehbar und mit wirksamer Mitsprache gestalten. Für diesen Doppelblick sprechen die auseinanderlaufenden Teilwerte und die OECD-Befunde, nach denen wahrgenommene politische Mitsprache stark mit Regierungsvertrauen zusammenhängt. Der Einwand bleibt: Solche Zusammenhänge beweisen nicht, welche konkrete Reform den Index steigern würde. Die Befragungen sind Diagnosewerkzeuge, keine Wirkungsstudien politischer Programme.

Was feststeht – und was noch offen ist

Was wir wissen

  • Die rückgerechnete Reihe zeigt 2026 eine partielle Erholung des Gesamtindex nach 2023.
  • Der Wert für wahrgenommene faire Verteilung wirtschaftlicher Gewinne liegt bei 25 Indexpunkten.

Was offen ist

  • Ob die Verbesserung eine dauerhafte Trendwende ist, lässt sich mit einer neuen Welle nicht entscheiden.
  • Welche einzelnen politischen oder sozialen Maßnahmen die Werte verändern würden, testet die Befragung nicht.

Was wir aus dem Widerspruch lernen können

Vielleicht ist die wichtigste Nachricht gerade, dass die einfache Schlagzeile scheitert. Deutschland ist nach dieser Messung weder geschlossen zerfallen noch geschlossen zusammengerückt. Im persönlichen Miteinander hat sich seit 2023 einiges erholt. An der Frage, ob die wirtschaftlichen Gewinne fair verteilt werden und ob die Bundesregierung Vertrauen verdient, ist diese Erholung weitgehend vorbeigegangen.

Wer mehr über die politische Seite dieser Distanz lesen möchte, findet im Wissenschaftswelle-Beitrag „Kann man sich Vertrauen in die Politik leisten?“ die Unterschiede zwischen Einkommen, Alltag und Mitsprache. Der ältere Text über Hyperindividualismus und Zusammenhalt formuliert eine größere Zeitdiagnose; der neue Religionsmonitor schärft sie mit einer konkreten Gegenbewegung. Menschen können einander näherkommen, ohne die Gesellschaft schon als gerecht zu erleben. Genau diese Spannung sollte Politik nicht unter einem Durchschnittswert verschwinden lassen.


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