Abstrakte Kunst: Warum ein Bild ohne Gegenstand trotzdem berühren kann

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Eine Hand schwebt vor einem abstrakten blau-ockerfarbenen Gemälde, dessen strukturierte Farblinie sich zu einer hellen Welle verdichtet.

Vor einem abstrakten Bild gibt es oft erst einmal nichts, woran man sich festhalten kann: kein Gesicht, keine Landschaft, keine erkennbare Geschichte. Trotzdem kann eine Fläche aus Blau, eine scharf abknickende Linie oder ein dichtes Geflecht aus Farbschichten Unruhe, Heiterkeit, Spannung oder eine merkwürdige Vertrautheit auslösen. Das ist kein Beweis dafür, dass Farben eine geheime emotionale Sprache sprechen. Aber es ist auch nicht bloß Einbildung. Die Forschung zur ästhetischen Erfahrung zeigt: Beim Sehen treffen Eigenschaften des Bildes auf Aufmerksamkeit, Erwartung, Wissen und persönliche Erfahrung. Gerade weil abstrakte Kunst keinen Gegenstand eindeutig vorgibt, bleibt mehr Raum für dieses Zusammenspiel.

Kernpunkte

  • Abstrakte Bilder können emotional wirken, ohne eine festgelegte Geschichte zu erzählen.
  • Farbe, Kontrast, Komplexität und wahrgenommene Bewegung lenken Aufmerksamkeit, bestimmen aber keine einzige „richtige“ Emotion.
  • Titel und Hintergrundwissen können das Interesse und die Betrachtungsweise verändern, besonders bei mehrdeutigen Werken.
  • Unterschiede zwischen Menschen sind kein Fehler der Wahrnehmung, sondern ein zentraler Befund der Forschung.

Ein Bild muss nichts darstellen, um verarbeitet zu werden

Sehen ist keine passive Aufnahme. Noch bevor wir ein Motiv benennen, registriert das visuelle System Kanten, Richtungen, Helligkeitswechsel, Farbkontraste, Rhythmus und räumliche Beziehungen. In einem gegenständlichen Bild werden solche Merkmale schnell mit bekannten Dingen verbunden: Das könnte ein Gesicht sein, ein Weg, ein Körper in Bewegung. Abstrakte Kunst nimmt diese Abkürzung nicht zwingend. Die Wahrnehmung endet damit aber nicht; sie richtet sich stärker auf Beziehungen im Bild selbst.

Die Kunst- und Wahrnehmungsforschung untersucht deshalb nicht nur, ob ein Werk „gefällt“. Sie fragt auch, welche Bildmerkmale als ruhig, dynamisch, dicht, offen oder spannungsvoll erscheinen – und wie diese Eindrücke mit ästhetischen Urteilen zusammenhängen. Eine fachübergreifende Übersicht von David Melcher und Francesca Bacci fasst Befunde zusammen, nach denen Betrachterinnen und Betrachter abstrakten Arbeiten in Teilen durchaus ähnlich emotionale Qualitäten zuschreiben können. Das spricht für einen Anteil visueller Regelmäßigkeiten, nicht für einen universellen Emotionscode. Die Übersicht zur Emotionswahrnehmung in abstrakter Kunst betont zugleich, dass Erfahrung und Kontext nicht aus dem Prozess herausgerechnet werden können.

Auch neuere Hirnbildgebung liefert keinen einfachen Schlüssel, aber einen nützlichen Hinweis auf die Mehrschichtigkeit des Urteils. In einer fMRT-Studie bewerteten Teilnehmende abstrakte Gemälde ästhetisch. Höhere persönliche Bewertungen gingen mit Veränderungen in visuellen Arealen und im medialen Frontallappen einher; zugleich war die Übereinstimmung darüber, welche Bilder schön seien, gering. Die Studie zu abstrakter Schönheit zeigt damit beides: Ästhetisches Bewerten ist im Gehirn nicht losgelöst vom Sehen – und es ist nicht auf eine gemeinsame Bestenliste reduzierbar.

Die offene Stelle im Bild ist kein Defizit

Bei gegenständlichen Bildern kann ein Motiv Erwartungen bündeln. Ein Gewitter über einer Landschaft, eine Person mit gesenktem Blick oder ein gedeckter Tisch geben Anhaltspunkte für eine Situation. Bei abstrakten Bildern fehlen solche Anker oft oder bleiben absichtlich unsicher. Das kann irritieren. Es kann aber auch produktiv sein: Statt eine Handlung zu entziffern, verfolgt der Blick Kontraste, Wiederholungen, Überlagerungen und Richtungswechsel.

Diese Offenheit bedeutet nicht, dass jede Deutung gleich gut belegt wäre oder dass ein Werk nur ein Spiegel der eigenen Stimmung ist. Ein Bild hat eine konkrete Materialität und Komposition. Dicke, dünne, gebrochene oder lasierende Farbaufträge; eng gesetzte oder weit auseinanderliegende Formen; Symmetrie und Störung: All das strukturiert, was überhaupt auffallen kann. Der eigene Anteil beginnt nicht bei null, sondern an einem gestalteten Angebot.

Dass ästhetisches und rein wahrnehmendes Urteilen nicht dasselbe sind, zeigt eine fMRT-Untersuchung, in der Menschen Gemälde einmal nach Schönheit und einmal nach Helligkeit bewerteten. Beide Aufgaben teilen visuelle Verarbeitung, doch beim ästhetischen Urteil traten zusätzliche bewertungsbezogene Systeme hervor. Ishizu und Zeki vergleichen diese beiden Urteilsarten. Daraus folgt nicht, dass sich Schönheit auf ein Hirnareal reduzieren ließe. Es unterstreicht vielmehr: Ein Bild kann dieselbe Farbfläche haben und je nach Aufgabe anders erlebt werden.

Vorwissen verändert nicht nur die Antwort, sondern den Blick

Der Satz „Man muss Kunst nicht verstehen, um sie zu fühlen“ ist als Einladung sympathisch. Wissenschaftlich wäre es aber zu grob, Verständnis und Gefühl gegeneinander auszuspielen. Informationen über Entstehung, Technik oder Thema können die ästhetische Erfahrung verändern. Sie nehmen dem Bild nicht zwingend seine Offenheit; sie geben dem Blick zusätzliche Fragen.

In einer aktuellen Studie wurden abstrakte und gegenständliche Werke mit unterschiedlich viel Kontext präsentiert: nur mit Titel, mit Informationen zur Gestaltung oder mit semantischen Erläuterungen. Bei abstrakten Werken stiegen Wertschätzung und visuelle Erkundung durch Kontextinformationen besonders deutlich. Auch die Blickbewegungen veränderten sich. Die Blickbewegungsstudie zu Kontext und abstrakter Kunst misst damit nicht bloß nachträgliche Höflichkeit auf einer Bewertungsskala, sondern eine andere Art des Hinschauens.

Ein ähnliches Ergebnis liefern Experimente zu Jackson-Pollock-Werken. Zusätzliche Informationen über Künstler oder Technik können die ästhetische Beschäftigung beeinflussen; der Effekt hängt aber von der Art der Information und vom betrachteten Werk ab. Die Experimente zu Kontextinformationen sind deshalb kein Plädoyer für das Museumsschild als Gebrauchsanweisung. Ein guter Text kann die Begegnung öffnen, ein aufgesetztes Etikett kann sie auch verengen.

Besonders anschaulich ist die Frage, was passiert, wenn Menschen ein zunächst schwer zugängliches abstraktes Bild mit Hintergrundwissen erneut beurteilen. In einer Studie wurden solche Neubewertungen zusammen mit Blickbewegungen untersucht. Die Untersuchung zur Neubewertung abstrakter Gemälde legt nahe, dass Wissen die Aufmerksamkeit auf andere Bildbereiche lenken und die persönliche Einschätzung verschieben kann. „Ich sehe jetzt mehr“ bedeutet dabei nicht zwingend „Jetzt kenne ich die richtige Lösung“. Es kann ebenso heißen: Das Bild hat mehr mögliche Anschlüsse bekommen.

Warum zwei Menschen vor demselben Werk Verschiedenes fühlen

Ein häufiger Irrtum lautet, eine echte ästhetische Reaktion müsse bei allen ungefähr gleich ausfallen. Gerade bei abstrakter Kunst ist das nicht zu erwarten. Persönlichkeit, Vertrautheit mit Kunst, Erinnerungen, aktuelle Stimmung, kulturelle Erfahrung und die Bereitschaft, Mehrdeutigkeit auszuhalten, können den Blick mitprägen. Eine Untersuchung zu Expertise und Abstraktionsgrad fand etwa, dass Laien und Kunstkundige den Grad der Abstraktion unterschiedlich bewerteten; bei den Laien fielen ästhetische und emotionale Urteile für gegenständlichere Arbeiten im Mittel günstiger aus, während die Urteile der Expertengruppe weniger vom Abstraktionsgrad abhingen. Die Studie zu Expertise und Abstraktion beschreibt Gruppenunterschiede, keine Hierarchie von besseren und schlechteren Betrachtern.

Das ist auch für die praktische Begegnung mit Kunst wichtig. Wer vor einem abstrakten Bild zunächst nichts empfindet, hat nicht versagt. Vielleicht passt die Bildsprache nicht zur eigenen Wahrnehmung; vielleicht fehlt Zeit; vielleicht wirkt gerade dieses Werk nur im Raum, in seiner Größe oder neben anderen Arbeiten. Umgekehrt braucht ein starkes Gefühl keine kunsthistorische Prüfung, um als Erfahrung ernst genommen zu werden. Die Forschung hilft vor allem dabei, beides voneinander zu trennen: eine persönliche Reaktion und die Behauptung, das Bild müsse für alle dasselbe bedeuten.

Der bereits erschienene Beitrag über generative Kunst und ihre Regeln zeigt, wie aus Verfahren und Zufall Bilder entstehen können. Für die abstrakte Kunstbetrachtung ergänzt sich diese Perspektive mit der Frage, was beim Publikum geschieht: Nicht nur das Herstellungsprinzip, sondern die selektive Aufmerksamkeit entscheidet mit darüber, welche Struktur aus einem komplexen Feld hervortritt. Dazu passt auch, dass unser Gehirn Reize nicht gleichrangig verarbeitet, wie der Artikel über selektive Aufmerksamkeit erklärt.

Berührt zu sein ist keine Übersetzung, sondern eine Begegnung

Abstrakte Kunst muss nicht erst in einen Gegenstand zurückübersetzt werden, um etwas auszulösen. Formen, Farben und Kompositionen bieten dem Blick Muster, Spannungen und Möglichkeiten zur Erkundung. Vorwissen, ein Titel oder ein Gespräch können neue Zugänge schaffen. Und weil diese Zugänge auf unterschiedliche Erfahrung treffen, bleibt das Urteil unvermeidlich persönlich.

Gerade darin liegt die Stärke, aber auch die Zumutung abstrakter Kunst: Sie liefert weniger fertige Antworten darüber, was man fühlen soll. Wer sich Zeit gibt, muss nicht nach dem versteckten Gegenstand suchen. Man kann zunächst genauer wahrnehmen, wo der Blick hängen bleibt, welche Beziehung zwischen Flächen sich verändert und ob das Bild eine eigene Spannung aufbaut. Das ist keine Ersatzhandlung für „Verstehen“. Es ist eine Form des Verstehens, die beim Sehen beginnt und offen bleiben darf.

Autorenprofil

Benjamin Metzig schreibt für Wissenschaftswelle über Forschung, Gesellschaft und die Fragen, die sich zwischen Wissen und Alltag eröffnen. Mehr über den Autor: Autorenprofil von Benjamin Metzig.

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