Von Sklaverei bis Polizeigewalt: Wie Abolitionismus im 21. Jahrhundert unsere Idee von Sicherheit sprengt

Von Sklaverei bis Polizeigewalt: Wie Abolitionismus im 21. Jahrhundert unsere Idee von Sicherheit sprengt

Antwort finden. Zusammenhänge verstehen.
Gebrochene Gefängnisgitter gehen in eine urbane Straße mit protestierenden und diskutierenden Menschen über, während gelbe Titeltypografie und rotes Banner die Frage nach Sicherheit und Abolitionismus markieren.

Wenn in politischen Debatten von Sicherheit die Rede ist, läuft meist ein bekanntes Drehbuch an. Mehr Polizei. Mehr Überwachung. Härtere Strafen. Schnellere Verfahren. Längere Haft. So klingt Sicherheit im Modus des Staates, der Gefahr vor allem als Kontrollproblem versteht.

Der moderne Abolitionismus stellt genau dieses Drehbuch infrage. Nicht, weil er Gewalt verharmlosen würde. Sondern weil er behauptet, dass viele unserer Sicherheitsinstitutionen Schäden nicht nur verhindern, sondern auch verwalten, verteilen und in manchen Fällen sogar reproduzieren. Seine provokante Grundfrage lautet deshalb nicht: Wie bestrafen wir besser? Sondern: Warum halten wir Strafe, Käfige und bewaffnete Intervention so oft für die natürlichste Form von Schutz?

Definition: Worum es beim heutigen Abolitionismus geht

Abolitionismus im 21. Jahrhundert meint mehr als die Forderung, Gefängnisse zu schließen. Organisationen wie Critical Resistance beschreiben ihn als politisches Projekt, das Überwachung, Policing und Inhaftierung nicht nur kritisiert, sondern tragfähige Alternativen aufbauen will: Versorgung, Konfliktbearbeitung, Krisenhilfe, demokratische Kontrolle und Bedingungen, unter denen weniger Gewalt entsteht.

Das klingt für viele zuerst unrealistisch. Aber genau hier beginnt der interessante Teil. Abolitionismus ist nicht einfach ein radikaler Randstandpunkt gegen Gefängnisse. Er ist eine andere Theorie darüber, was Sicherheit überhaupt ist.

Sicherheit ist nicht dasselbe wie Strafmacht

Der Kern des abolitionistischen Arguments ist verblüffend schlicht: Ein Gemeinwesen wird nicht automatisch sicherer, nur weil es besser bestrafen kann. Es wird dann sicherer, wenn weniger Menschen in Situationen geraten, in denen Gewalt, Verzweiflung, Eskalation oder institutionelle Demütigung wahrscheinlich werden.

Das verschiebt den Blick. Plötzlich stehen nicht nur Täter, Delikte und Sanktionen im Zentrum, sondern Wohnraum, Gesundheit, Suchtversorgung, Schulden, psychische Krisen, Jugendhilfe, Nachbarschaften, Waffenverfügbarkeit und die Frage, wer in einem Notfall überhaupt gerufen wird. Wenn eine psychische Krise, eine Schulhofeskalation, ein Beziehungsbruch oder eine Obdachlosigkeit fast automatisch in eine Polizeisituation übersetzt werden, dann ist das nicht einfach neutraler Staatsschutz. Es ist eine politische Entscheidung darüber, welche Probleme wir als soziale Fragen behandeln und welche wir an Zwangsapparate delegieren.

Darum wirkt abolitionistisches Denken auf viele so irritierend. Es greift nicht erst das Gefängnis am Ende der Kette an, sondern die Gewohnheit, Unsicherheit vor allem mit Zwang zu beantworten.

Warum die Geschichte hier nicht Kulisse ist

In den USA lässt sich diese Debatte nicht sauber von der Geschichte der Sklaverei trennen. Das ist kein rhetorischer Trick, sondern verfassungs- und institutionengeschichtlich relevant. Der 13. Verfassungszusatz schaffte 1865 die Sklaverei ab, ließ aber eine folgenreiche Ausnahme stehen: Unfreie Arbeit blieb erlaubt, wenn sie „als Strafe für ein Verbrechen“ nach ordnungsgemäßer Verurteilung verhängt wurde.

Diese Ausnahme war nicht bloß juristischer Staub im Text. Sie wurde in den Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg politisch verwertbar gemacht. Der National Park Service zeigt das am Beispiel Alabamas besonders klar: Binnen eines Jahrzehnts nach dem Bürgerkrieg verschob sich die Gefängnispopulation von fast vollständig weiß auf überwiegend schwarz. Über Convict Leasing wurden Gefangene, meist Afroamerikaner, an private Unternehmen vermietet und für Eisenbahnen, Landwirtschaft und Industrie eingesetzt. Historiker sprechen hier teils von einer „zweiten Sklaverei“.

Auch die Equal Justice Initiative beschreibt, wie Black Codes frisch befreite Schwarze gezielt kriminalisierten: wegen Landstreicherei, angeblicher Untätigkeit, Ausgangssperren oder fehlender Arbeitsnachweise. Kriminalisierung wurde so zum Scharnier zwischen formaler Emanzipation und neuer Zwangsarbeit.

Wer heutigen Abolitionismus verstehen will, muss genau diesen Punkt ernst nehmen: Für viele schwarze Communities war das Strafsystem historisch nie nur Schutz vor Gewalt. Es war selbst ein Instrument von Eigentumsordnung, Arbeitsdisziplin, Rassifizierung und sozialer Kontrolle. Deshalb ist der abolitionistische Satz, Polizei und Gefängnis seien nicht neutral, keine bloße Parole. Er ist historisch gedeckt.

Vom Plantagensystem zur Sicherheitslogik der Gegenwart

Natürlich ist das 21. Jahrhundert nicht das 19. Jahrhundert. Niemand sollte historische Gleichungen behaupten, wo institutionelle Brüche existieren. Aber die abolitionistische Diagnose sagt auch nicht, dass alles gleich geblieben sei. Sie sagt etwas Präziseres: Bestimmte Grundmuster überleben ihre alten Formen.

Eines dieser Muster ist die politische Versuchung, gesellschaftliche Probleme in Kriminalitätsprobleme umzudeuten. Armut erscheint dann als Risiko, nicht als Verteilungskrise. Sucht erscheint als Ordnungsthema, nicht als Gesundheitsfrage. Psychische Instabilität erscheint als potenzielle Gefahr, nicht als Versorgungsproblem. Wohnungsnot erscheint als Störung des öffentlichen Raums. Und bestimmte Bevölkerungen erscheinen schneller als verdächtig, kontrollbedürftig oder „unsicherheitsrelevant“.

So entsteht eine Sicherheitslogik, die sehr modern aussieht und doch alte Hierarchien weiterträgt. Nicht mehr über Ketten und Auktionen, sondern über Risikoprofile, Haftgründe, Stop-and-Frisk-Routinen, Überwachung, aggressive Ordnungspolitik und ein Geflecht aus Polizei, Gerichten, Jails, Gefängnissen, Bewährung, Geldstrafen und digitaler Kontrolle.

Der abolitionistische Einwand lautet hier nicht, dass jede einzelne Polizistin, jeder Richter oder jede Haftanstalt dieselbe Funktion hätte. Er lautet, dass das Gesamtsystem darauf trainiert ist, nachträglich auf Schaden zu reagieren, statt die Bedingungen zu verändern, unter denen Schaden verlässlich entsteht.

Die Größenordnung des Apparats ist Teil der Aussage

Diese Logik ist nicht klein. Nach Daten des Bureau of Justice Statistics saßen Ende 2023 in den USA rund 1.254.200 Menschen in staatlichen oder föderalen Gefängnissen. Hinzu kamen laut Jail Inmates in 2023 Mitte 2023 etwa 664.200 Menschen in lokalen Jails.

Noch aufschlussreicher ist, wer in diesen Jails sitzt. Rund 70 Prozent waren nicht verurteilt, sondern unconvicted: Sie warteten auf Verfahren, auf Entscheidungen über Kaution, auf Transfers oder hingen in verwaltungsnahen Zwischenzuständen fest. Das ist abolitionistisch deshalb so wichtig, weil Jails damit nicht nur Orte der Bestrafung sind. Sie sind Maschinen der Vorab-Sortierung, des Drucks und der sozialen Destabilisierung.

Wer dort landet, verliert oft Arbeit, Wohnung, Betreuungspflichten, medizinische Kontinuität und soziale Bindungen, lange bevor ein Urteil gesprochen ist. Selbst wenn später keine Haftstrafe folgt, hat das System bereits tief in ein Leben eingegriffen. Sicherheit wird dann mit einer Praxis erkauft, die Unsicherheit produziert.

Auch die rassische Asymmetrie bleibt massiv. Das BJS weist für 2023 eine Jail-Inhaftierungsrate schwarzer US-Bewohner aus, die 3,6-mal so hoch lag wie die weißer Bewohner. Solche Zahlen beweisen nicht jede abolitionistische These automatisch. Aber sie zeigen, dass man über Sicherheit in den USA nicht ernsthaft sprechen kann, ohne über ungleiche Exposition gegenüber Kontrolle, Haft und Zwang zu sprechen.

Macht mehr Inhaftierung überhaupt sicherer?

Hier trifft das abolitionistische Argument auf empirisches Terrain. Wenn harte Bestrafung und große Haftsysteme tatsächlich der zuverlässigste Weg zu Sicherheit wären, müsste sich das relativ klar in den Daten spiegeln. Genau das ist umstritten.

Das Vera Institute fasst den Forschungsstand zugespitzt zusammen: Der zusätzliche Sicherheitsgewinn durch mehr Inhaftierung ist gering bis null, für Gewaltkriminalität gibt es keinen belastbaren linearen Zusammenhang, und in manchen Konstellationen kann mehr Inhaftierung soziale Schäden sogar vertiefen. Vera verweist außerdem darauf, dass 19 US-Bundesstaaten zuletzt sowohl Kriminalität als auch Inhaftierung senken konnten.

Ähnlich argumentiert der Sentencing Project: Wer Sicherheit fast ausschließlich durch Strafverschärfung organisiert, zieht Ressourcen von den Faktoren ab, die Gewalt im Vorfeld reduzieren können. Das ist der entscheidende abolitionistische Punkt. Die Frage ist nicht bloß, ob Gefängnisse manchmal jemanden vorübergehend aus dem Verkehr ziehen. Die Frage ist, was ein ganzes Sicherheitssystem dauerhaft fördert, verhindert oder verlernt.

Ein Staat kann sehr viele Menschen einsperren und trotzdem schlecht darin sein, Gewalt zu verhindern. Er kann enorme Summen in Haft, Polizei und Überwachung stecken und zugleich bei Wohnen, Jugendhilfe, Traumaversorgung oder Suchtbehandlung strukturell unterinvestieren. Dann bestraft er sichtbar, aber er schützt ungleichmäßig.

Was Abolitionistinnen mit Alternativen meinen

An diesem Punkt wird der Begriff oft missverstanden. „Alternativen“ klingt schnell nach weichgespülter Symbolpolitik. In abolitionistischen Debatten bedeutet das aber etwas Konkreteres: Zuständigkeiten verlagern, Eskalationsketten unterbrechen und Institutionen aufbauen, die Schäden früher und anders bearbeiten.

Das kann sehr verschieden aussehen:

  • unbewaffnete Krisenteams für psychische Notlagen
  • Gewaltunterbrechungsprogramme in besonders betroffenen Nachbarschaften
  • Hospital-based Violence Intervention, um Rache- und Eskalationsspiralen nach Schuss- oder Stichverletzungen zu durchbrechen
  • Restorative- und Transformative-Justice-Modelle, die Verantwortung, Wiedergutmachung und Schutz anders organisieren
  • Wohnraum, Schuldenhilfe, Suchtbehandlung und einkommensstabilisierende Maßnahmen als Sicherheitsinfrastruktur

Die CDC formuliert es erstaunlich nah am abolitionistischen Denken, auch wenn sie den Begriff nicht übernimmt: Community Violence ist verhinderbar, und Programme wie Street Outreach oder hospital-based intervention können unmittelbare Gewaltrisiken senken. Das ist wichtig, weil es zeigt, dass Alternativen nicht erst in einer fernen Utopie beginnen. Sie existieren bereits, nur oft unterfinanziert, prekär und politisch nachrangig.

Kernidee: Die eigentliche Verschiebung

Abolitionismus verlangt nicht, auf Schutz zu verzichten. Er verlangt, Schutz nicht mit der maximalen Verfügbarkeit von Zwang zu verwechseln.

Der schwierigste Einwand: Was ist mit akuter Gewalt?

Hier entscheidet sich, ob der Text ernst genommen wird. Denn natürlich gibt es Situationen, in denen Menschen sofort geschützt werden müssen: schwere Übergriffe, bewaffnete Gewalt, tödliche Bedrohungen, organisierte Täterstrukturen. Abolitionistische Politik hat darauf keine magische Universallösung.

Aber auch dieser Einwand trägt nur begrenzt gegen das Gesamtargument. Erstens, weil der größte Teil des Systems nicht aus spektakulären Extremsituationen besteht, sondern aus Routinekontrolle, Vorfeldmaßnahmen, Masseninhaftierung, prekären Verfahren und sozial selektiver Ordnungspolitik. Zweitens, weil gerade akute Gewalt oft aus langen Ketten von Traumatisierung, Ausschluss, Verelendung, Waffenverfügbarkeit und institutionellem Misstrauen hervorgeht. Wer erst am Ende mit Zwang eingreift, hat die entscheidenden Phasen oft längst verpasst.

Abolitionistische Stimmen behaupten also nicht, dass jede Form unmittelbarer Gefahrenabwehr morgen verschwinden könne. Sie behaupten, dass ein Sicherheitsmodell, das fast alles auf diesen Endpunkt hin zuschneidet, schlechte Anreize setzt: Es belohnt Reaktion, nicht Prävention; Eskalation, nicht Stabilisierung; Verwaltung von Folgen, nicht Veränderung der Ursachen.

Warum diese Debatte größer ist als Amerika

Auch außerhalb der USA ist die abolitionistische Frage relevant. Überall dort, wo Gesellschaften Unsicherheit hauptsächlich über Polizei, Strafrecht und Überwachung definieren, stellt sich dieselbe Grundfrage: Welche Formen von Schaden werden sichtbar gemacht, und welche nur dann, wenn sie bereits in Gewalt, Verwahrlosung oder Regelverstoß umgeschlagen sind?

Die amerikanische Geschichte macht diese Frage nur besonders scharf. Sie zeigt, wie eng „Sicherheit“ mit Eigentum, Rasse, Arbeit und Staatsmacht verbunden sein kann. Und sie zeigt, dass Institutionen, die sich als Schutz präsentieren, für große Teile der Bevölkerung zugleich Bedrohungserfahrung sein können.

Darum wirkt Abolitionismus so sprengkräftig. Er greift den beruhigenden Mythos an, wonach Sicherheit dort beginnt, wo der Staat härter zugreift. Seine Gegenbehauptung ist unbequemer und politisch anspruchsvoller: Sicherheit beginnt viel früher. In stabilen Beziehungen, verlässlichen Hilfen, geringerer sozialer Verwundbarkeit, realer demokratischer Kontrolle und in Institutionen, die nicht erst auftauchen, wenn schon alles brennt.

Am Ende ist das keine Nebenfrage der Strafrechtsreform. Es ist ein Test darauf, wie erwachsen eine Gesellschaft über Schutz nachdenken kann. Ob sie Sicherheit weiterhin vor allem als Fähigkeit zur Bestrafung organisiert. Oder ob sie lernt, Schaden so ernst zu nehmen, dass sie dessen Entstehung wichtiger nimmt als dessen spätere Verwaltung.

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